Die Sache wird spannend. Denn der Legende nach hielt Dschingis Khan bei seiner Geburt einen Blutklumpen in der rechten Faust, das prophetische Zeichen für Stärke und Willenskraft. Und so kam, was kommen musste: Er einigte die mongolischen Sippen und unterwarf die Steppenvölker. Besiegte die Tataren, Keraiten, Naimanen und nahm Peking ein. Eroberte Buchara, Samarkand und schickte seine Truppen bis weit nach Europa. Dann fiel er vom Pferd und starb daran. Da hatte sein Reich die Größe von 19 Millionen Quadratkilometern erreicht, doppelt so groß wie China heute. Gestartet in Frankfurt 1, landen Sie zum Beginn des neuen Tages in Ulan-Bator 2, nicht weit weg von der Quelle des Onon, wo der Stammbaum Dschingis Khans aus der Verbindung eines Wolfes mit einer Hirschkuh hervorging. Wir sagten ja, es wird spannend.
Gandan-Kloster (© Tsolmon Travel / Chamäleon)
Nach dem Zerfall des Mongolischen Reiches lebten die meisten Einwohner wieder als Nomaden und machten Platz für die Ausbreitung des Buddhismus. So wurde das Gandan-Kloster zum zentralen Heiligtum der Mongolei, in typisch chinesischer Architektur zwar, aber durch das goldene Dach mit unverkennbaren Stilelementen mongolischer Baukunst. Mit dem ersten Sonnenstrahl werden wahre Kunstwerke von Gebetsmühlen gedreht, unablässig von jedem, der noch einen Wunsch auf der Seele hat. Wir halten uns an die Zeremonie der Mönche, denn sie haben den besten Draht zum Dalai Lama, dem eigentlichen Oberhaupt des Klosters. Das Tachi gilt als die einzige Wildpferdart, die in ihrer Urform überlebt hat. In freier Wildbahn galten sie schon als ausgestorben, da gelang in der Einsamkeit des Chustain-Nuruu-Nationalparks 3 der Erhalt ihrer natürlichen Population. Nun brauchen Sie auf unserer Wanderung durch das mongolische Birkengebirge nur noch viel Glück und vielleicht ein Tele.
Nomadenfamilie in einer Jurte (© Tsolmon Travel / Chamäleon)
Die Motive sind faszinierend. Über den sattgrünen Hochebenen liegt die Ruhe wie ein schützendes Tuch. Jahrhunderte hat sich nicht viel getan. Nomaden kamen, stellten ihre Jurten auf und ließen ihre Herden das saftige Gras mähen. An besonderen Tagen gab es Chorchog, einen frisch geschlachteten Hammel mit Kartoffeln, Zwiebeln und Karotten in einer verschlossenen Milchkanne über dem Lagerfeuer gekocht. Dann zogen sie weiter. Schneehasen, Wildziegen, das Altai-Königshuhn, die Steppenadler, der kleine Gobi-Bär, das Yak und die Baktrischen Kamele aber blieben. Wir auch. Am Rande des Khogno-Khan-Naturreservats in Gurwanbulag 4 auf Einladung einer Nomadenfamilie mit überraschenden Einblicken in ein grundlegend anderes Leben voller Fröhlichkeit und Gastfreundschaft.
Die buddhistische Tempelanlage von Erdene Dsuu (© Anne Davids / Chamäleon)
Richtig, die Vögel sind natürlich auch geblieben. Genau genommen ein wahres Vogelparadies, rund um den Ugi-See. Er liegt am Weg nach Karakorum 5, unserer ersten hautnahen Begegnung mit Dschingis Khan. Qara Qorum war im 13. Jahrhundert der Sitz seines mongolischen Weltreiches und ein Zentrum für Kunsthandwerk und Handel. Geschichtlich gesehen währte die Freude daran nur kurz, nachdem die Chinesen zum Gegenschlag ausgeholt und Karakorum plattgemacht hatten. Im 16. Jahrhundert wurden die Reste der Stadt dann endgültig zum Steinbruch für das buddhistische Kloster Erdene Dsuu. Mit einem Grundriss von 400 mal 400 Metern, 300 Jahren Bauzeit und 100 schneeweißen Stupas auf der Klostermauer.
Die heißen Quellen von Zencher (© Anne Davids / Chamäleon)
Viel Unbekanntes und Beeindruckendes hat unsere Reise bisher begleitet. Warum nicht ein paar Stunden der reinen Wohltat frönen? Mit 85 Grad sprudelt das schwefelhaltige Wasser aus den Quellen von Zencher 6, gluckert durch die dampfenden Lagunen und bereitet gesundheitsfördernde Freude, wenn Sie sich in seinem Lauf niederlassen. Das Altan-Nutag-Jurtencamp ist mit verschiedenen Thermalbecken und Massagen darauf spezialisiert, das Vergnügen bis zum Abendessen zu verlängern. Wechselbäder stehen in dem Ruf, Kreislauf und Stoffwechsel anzuregen. Also nichts wie ins Orchon-Tal 7 zum grausig kalten Wasserfall. Erst die Schlucht hinunter, dann frohen Mutes abtauchen, wo selbst Altmeister Kneipp mit den Zähnen geklappert hätte. Ersetzt die Tagescreme für eine Woche mindestens. Alle anderen wandern durch das vulkangespickte Flusstal, und wenn unterwegs eine Nomadenfamilie winkt, heißt das willkommen zu einem Glas Airag, dem leicht alkoholischen Nationalgetränk für und gegen alles. Deshalb nicht fragen – einfach trinken.
Im Jurtencamp in der Nähe des Ongi-Klosters (© Anne Davids / Chamäleon)
Das Schicksal aller mongolischen Klöster war gleich: Sie wurden zerstört. Nur ein Stupa mit den Namen der gefallenen Mönche erinnerte in den Ruinen des Ongi-Klosters 8 an seine glorreiche Vergangenheit als Zentrum der buddhistischen Bildung in Medizin, Philosophie und Astrologie. Das darf es nicht gewesen sein, sagten sich ein paar hartnäckige Mönche und errichteten einen neuen Tempel, um wieder zu praktizieren. Also: Wenn Sie ungeklärte Fragen zu den Wirren des Lebens haben – nur zu, näher werden Sie der Erleuchtung vermutlich nicht kommen. Sollte Rot Ihre Lieblingsfarbe sein, wird das heute Ihr Tag. Denn die Felsen von Bajandsag 9 verwandeln sich in der Abendsonne in die berühmten »brennenden Klippen«. Noch ist es nicht so weit. Seit hier erstmals Dinosaurier-Eier gefunden wurden, werden ständig neue Nester freigelegt. Also Obacht, wenn es bei Ihrer Wanderung durch den Saxaulwald zu den rot glühenden Klippen unerwartet quieken sollte. Dennoch kein Grund zur Panik. Der Raubdinosaurier Velociraptor wurde nicht größer als ein Truthahn.
Die spektakulären Wanderdünen Chongorin Els (© Anne Davids / Chamäleon)
Nicht weit von Dalandsadgad, was die »drei Schönheiten der Gobi« bedeutet, liegt das größte intakte Ökosystem der Welt, der Gurwan-Saichan-Nationalpark, 10 mit wesentlich mehr als drei Schönheiten. Da marschieren kilometerlange, 300 Meter hohe Wanderdünen durch die Gebirgszüge des Gobi-Altai, da sind die sibirischen Steinböcke, Kropfgazellen und Schneeleoparden zu Hause und auf dem Gurwan-Saichan-Berg pfeift uns der Wind ein Ständchen. »Singende Düne« sagen die Einheimischen, wenn uns die Sandkörner auf dem Kamm geheimnisvoll eine kleine Nachtmusik brummen. In der Geierschlucht Jolyn Am 11 wird nicht gebrummt, da klopft der Bach vom Tal kommend an die Felsen und verschwindet selbst im Sommer unter einem fetten Schneefeld auf Nimmerwiedersehen. Geier, Steppenbussarde und Falken allein wissen, ob und wo er wieder zum Vorschein kommt. Wir aber können sicher sein, dass uns am Abend das Jurtencamp Gobi Bayanburd gastfreundlich aufnehmen wird.
Junge auf Pony (© Tsolmon Travel / Chamäleon)
Wenn von den »verehrten, liebsten Weißen« die Rede ist, sind nicht wir gemeint. Nein, hier geht es um ein Wunderwerk von Mutter Natur, die über Jahrhunderte Wind und Wetter geschickt hat, um eine gewaltige Felsformation nach ihrer eigenwilligen Vorstellung zu formen. Zagaan Suwarga 12 wird sie von Einheimischen genannt, »weißer Stupa«. Und getreu dem chinesischen Ordnungsprinzip Yin und Yang liegen unweit der liebsten Weißen die liebsten Roten, Ulaan Suwarga, Sinnbild einer wunderschönen Landschaft über ewig blauem Himmel. Wir haben lange nichts mehr von Dschingis Khan vernommen, bis auf die vielen Legenden natürlich, wo er sich zwischen den Raubzügen mit seinen Kriegern versteckt haben könnte. So ein Ort sollen die Felsen von Baga Gasrin Tschuluu 13 gewesen sein. Es könnte sich auch um sein Sommercamp gehandelt haben, denn die traumhafte Landschaft mit ihren Mineralquellen ist wie geschaffen für eine Phase der Ruhe und Erholung, wo nicht alle naselang ein Kopf rollen muss.
Yaks als Lastenträger (© Tsolmon Travel / Chamäleon)
Noch eine Nacht im Jurtencamp. Noch einmal authentisches Mongolei-Feeling, dann heißt es Abschied nehmen von den malerischen Landschaften und ihrer geheimnisvollen Einsamkeit. Am Nachmittag sind wir zurück in Ulan-Bator 14. Das Platinum Hotel liegt nur fünf Minuten entfernt vom Dschingis-Khan-Platz. Hier schließt sich der Kreis Ihrer Reise durch das Land eines gnadenlosen Herrschers. Der Himmel schickt noch einmal sein schönstes Blau, wenn das Ende naht. Nur fallen wir nicht vom Pferd, sondern heben ab in Richtung Frankfurt 15, wo ein anderer Wind weht.
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