20 Jahre hat es gedauert bis zu der Frage, ob und wo sich in Europa eigentlich die Gänsehaut versteckt hält. Dann sind wir auf die Suche gegangen und haben urgewaltige Naturwunder-Landschaften gefunden. Magische Kompositionen aus Licht und Farbe und das immer noch nicht geklärte Phänomen der heißen Geysire, die bis zu 60 Meter hoch aus dem Lavaboden schießen. Wir haben mit Eisbergen gefüllte Lagunen gefunden und kochende Schlammquellen, Wanderparadiese zwischen leuchtenden Gletschern, tiefgrüne Täler und goldene Wasserfälle. Es gibt noch so viel mehr, also steigen Sie ein zu Ihrem Flug nach Keflavík 1, damit es endlich losgehen kann.
Tjörnin See in Reykjavik (© Dirk Bleyer / Chamäleon)
Man könnte meinen, es sei ein anderer Stern, dabei ist es immer noch Europa. Weiße Dampfsäulen kräuseln sich unablässig in den Himmel, doch je näher wir an ihre Majestät Deildartunguhver 2 kommen, desto mehr addieren sich die Säulen zu einer veritablen Nebelwand. Mit 180 Litern pro Sekunde ist sie die ergiebigste Quelle der Insel, aber richtig spannend wird es, wenn Sie ihre Temperatur messen. Tun Sie’s lieber nicht, es sind ziemlich exakt 100 Grad Celcius. Das freut die Isländer, die das Geschenk der Erde dankbar annehmen und selbst in 60 Kilometer Entfernung noch Orte und Höfe mit dem heißen Wasser versorgen. Damit wäre sogleich das Phänomen geklärt, wie sich in saukalten Flüssen Lachse tummeln können, während nebenan pausbäckige Tomaten wachsen. Aber das ist ja erst der Anfang.
Haus an der Steilküste (© Island Pro Travel / Chamäleon)
Das Schöne an Island: Man kommt in 15 Tagen überall hin. Da wirkt die Halbinsel Snaefellsnes 3 wie ein Inhaltsverzeichnis. Die Einwohner nennen sie »Island in Klein«, weil eigentlich alles da ist, was Sie in den folgenden Tagen noch oft aus dem Häuschen bringen wird. Nur zwei Erlebnisse des heutigen Tages werden unerreicht bleiben: Da ist der Gletscherberg Snaefellsjökull, durch dessen Krater Professor Lidenbrock und seine Begleiter in Jules Vernes Roman »Die Reise zum Mittelpunkt der Erde« in die Unterwelt hinabsteigen. Und da ist das Gehöft Bjarnarhöfn, wo seit Generationen fermentierter Hai hergestellt wird. Mehr Mutprobe als Leckerbissen. Aber eine Spezialität, und nur im Verhältnis 1:3 mit dem isländischen Schnaps Brennivín zu ertragen. Falls das reicht.
Papageitaucher (© Island Pro Travel / Chamäleon)
Man glaubt nicht, was die Natur alles wachsen lässt. Papageitaucher, Kragenenten, Basstölpel und Trottellummen – sie alle bevölkern die Klippen der Fjorde zusammen mit 223 weiteren Vogelarten, von denen 78 hier brüten. Wir suchen. Vom Breidafjord durch die einsame Schärenwelt bis zu den Westfjorden 4 5 an der Südküste. Nach ihnen – Vestfirdir – haben wir unsere Reise benannt, weil diese einsame Bilderbuchlandschaft in ihrer biblischen Ursprünglichkeit zu den schönsten Ecken der Insel zählt. Wasserspiele sind hier wie überall das beherrschende Ereignis, ganz besonders wenn sie sich wie der Wasserfall Dynjandi über 100 Meter zeitlupenartig in die Tiefe stürzen.
Touristen beobachten Dampf- und Wassersäule (© Dirk Bleyer / Chamäleon)
Ein Fjord ist ein Fjord, mögen Sie vielleicht denken, aber da haben Sie sich schwer getäuscht. Kein Fjord ist wie der andere. Dieser Rausch der Farben, die eigentlich keine sind, weil sie sich in einer undefinierbaren Melange aus Rostrot, Graublau, Braunbärenbraun und Erbsengrün verlieren, betört die Sinne. Vor diesen künstlerisch wertvollen Klippen versagt die Fantasie. Aber wir geben nicht auf. Einen Tag lang fahren wir kreuz und quer durch die Arme des Fjordsystems 6, und wo es auf der Fahrt zum nächsten Hotel mal wieder heftig dampft, da halten wir, damit in den Pools der heißen Quellen die behagliche Seite Islands nicht zu kurz kommt.
Island Pferde (© Island Pro Travel / Chamäleon)
Der Skagafjord 7 zeigt die hundertste Variante aus Tönen, für die man keine Töne findet. Aber eigentlich sind wir wegen einer anderen – weltbekannten – Errungenschaft gekommen, denn hier im Norden befindet sich das Zentrum der isländischen Pferdezucht. Absolut reinrassige Tiere, deren Abstammung lückenlos nachweisbar sein muss und von denen keines mehr zurückdarf, wenn es einmal die Insel verlassen hat. Das ging dem Hering genauso, wenngleich aus anderen Gründen, denn der lag von Siglufjördur 8 ausgehend längst auf den Tellern weltweiter Feinschmecker. Zum Hering ein Bier – zwei, die zusammengehören. Und weil Island nun mal nicht sonderlich groß ist, fällt auch die Brauerei Bruggsmidjan mikromäßig aus, umgekehrt proportional zum Geschmack, aber das beurteilen Sie mal lieber selbst. Eine kleine Vorschau auf morgen gibt Ihnen das Kirchenfenster in Akureyri, das aus gegebenem Anlass den Godafoss zeigt.
Heißer Dampf strömt aus dem Boden (© Island Pro Travel / Chamäleon)
Der Anlass war die Einführung des Christentums um das Jahr 1000, aus dessen Grund alle Götterbilder in den Godafoss geworfen worden sein sollen, was ihm den Namen Wasserfall der Götter verliehen hat. Es könnte aber auch sein, dass die schiere Wucht dieses Naturspektakels Namensgeber war. Uns kann es egal sein, Hauptsache, es spritzt und donnert ordentlich, worauf Sie sich verlassen können. Mehr brodeln als donnern, höllisch zischen oder zäh blubbern wie Kartoffelbrei, das ist der Ort, der wie gerufen kommt: Das Solfatarengebiet Námaskard nahe dem See Mývatn 9, mit dem von teils heißen unterirdischen Quellen gespeisten Mývatn-Naturbad. Blaue Lagune des Nordens nennen es die Isländer, was man als Hinweis auf seine außergewöhnliche Farbe für bare Münze nehmen darf. Der Rest ist ohne Worte: Eintauchen, treiben lassen, verschmitzt lächeln.
Wasserfall am Fluß Skjálfandafljót (© Dirk Bleyer / Chamäleon)
Wenn sich Ihre Haut wieder entschrumpelt hat, brauchen Sie eine Kamera, denn malerischer als das Fischerdorf Húsavík könnte nur ein Alter Meister sein. Aber heben Sie sich ein paar MB auf, weil als Nächstes der Ásbyrgi-Nationalpark 10 kommt. Das fliegende Pferd des Gottes Odin soll hier sein Hufeisen tief in die Landschaft gedrückt haben, in Wirklichkeit war es der Jökulsá-á-Fjöllum-Fluss, der sich nach getaner Arbeit ein anderes Bett gesucht hat. Zurück blieb eine Schlucht von sagenhafter Schönheit.
Fischerboote im Hafen (© Island Pro Travel / Chamäleon)
Großstädter werden an manchen Orten von dieser seligen Ruhe und der Verbundenheit mit der Natur träumen. Überlegen Sie es sich gut, denn die Verbundenheit trägt viele Züge von Abhängigkeit. Die Bewohner von Faskrudsfjördur im viele Millionen Jahre alten Teil Islands, den Ostfjorden 11, können ein Lied davon singen. Es handelt von Mühsal, Entbehrung und dem sklavischen Rhythmus der Jahreszeiten. Die unbeschreibliche Faszination der Landschaft, diese farbintensive Idylle mit ihren traumatisierend schönen Spiegelbildern – sie kommen in den Geschichten der Einwohner selten vor. Und was ist das? Nun, was wie ein Ausflug in die Arktis aussieht, ist das nächste Kapitel isländischer Sensationen, die Gletscherlagune Jökulsárlón. Leuchtend blau furchen die Eiskolosse scheinbar ziellos durch das Meer und hängen doch fest an der Leine des Grönlandstroms. Wir ziehen ein Stück mit, bis im Schutz der Gletscherzungen der Skaftafell-Nationalpark 12 keine andere Option lässt als wandern. Die Üppigkeit, mit der sich die Natur hier austobt, hätten Sie nicht für möglich gehalten, aber das Ziel liegt praktisch auf der Hand: der gefühlt tausendste Wasserfall, zur Abwechslung allerdings schwarz und plakativ eingerahmt von Orgelpfeifen aus Basalt.
Skogafoss Wasserfall (© Island Pro Travel / Chamäleon)
Jeder Name, der mit »foss« endet, ist ein Versprechen, hinter dem sich die nächste Variante eines Wasserfalls befindet. Der Seljalandsfoss wirft sich mit solchem Schwung über die Klippen, dass Sie perfekt verschleiert hinter ihm durchmarschieren können. Beim Gullfoss, dem berühmten Goldenen Wasserfall, würden wir das nicht empfehlen, denn er stürzt sich nach der zweiten Kaskade 70 Meter tief in eine Schlucht, über der die meiste Zeit ein Regenbogen steht. Wir nehmen den eleganteren Weg nach unten in den Golden Circle 13, wo der Vater aller Geysire und sein kleinerer Bruder Strokkur seit Menschengedenken Modell für die populärsten Postkartenmotive Islands stehen.
Abend in Reykjavik (© Rudy Balasko, iStockphoto.com / Chamäleon)
Wo die amerikanische und die eurasische Kontinentalplatte auseinanderdriften, geht ein Riss durch den Thingvellir-Nationalpark. Tief genug, um Island auch ein bisschen von unten zu betrachten. Dann werden Sie für alles, an dem Sie sich nicht sattgucken konnten, noch einmal wiederkommen müssen. Zurück in Reykjavík 14, gilt ein letzter Rundgang den überraschenden Preziosen der Hauptstadt: der Domkirche, dem raketenhaften Wahrzeichen, dem Leifur-Eriksson-Denkmal, dem preisgekrönten Konzerthaus Harpa. Sie werden sich ranhalten müssen, denn wenn Sie erst mal zu Hause 15 sind, ist alles nur noch Erinnerung. Aber die Gänsehaut, die bleibt.
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