Es war einmal ein König, der hatte sich in den Wäldern Südindiens verirrt und seit Tagen nichts Essbares mehr gefunden. Da begegnete ihm ein altes Weib, das mit einem Topf gekochter Bohnen auf dem Heimweg war. »Gib mir von deinen Bohnen«, bat er die Alte, und sie gab ihm reichlich, weil Gastfreundschaft in Indien ein ungeschriebenes Gesetz ist. Dann wies sie dem Unbekannten noch den Weg in die Stadt und war genauso schnell weg, wie sie gekommen war. Der König – voll Dankbarkeit über seine Rettung – gab der Stadt daraufhin den Namen Benda-kaal-Uru. Dort landen wir nach unserem Start in Frankfurt 1 und einem Zwischenstopp in Delhi an einem strahlenden Nachmittag. Willkommen in Bengaluru 2, der Stadt der gekochten Bohnen. Es soll Ihnen nicht so gehen wie dem König, deshalb haben wir das fantastische Hotel Goldfinch für Sie gebucht. Der erste Eindruck ist eben immer noch der beste.
Nandy-Statue in Mysore (© saiko3p, iStockphoto.com / Chamäleon)
So wie anderswo Briefmarken, werden im botanischen Garten Lal Bagh Bäume gesammelt. Was immer das Paradies von Australien bis Kalifornien hergibt – hier steht es. Und es hatte Zeit, in 1.000 verschiedenen Arten zu wachsen, seit Sultan Haider Ali bereits 1760 der Meinung war, Bengaluru sollte grüner werden. Wenn Sie 2018 nach Shravanabelagola kämen, sollten Sie kleine Mengen Kokosmilch, Honig, Blüten oder Goldmünzen dabei haben, um sie in der Mahamastakabhisheka-Zeremonie über die 18 Meter hohe nackte Kolossalstatue des Gomateshwara zu gießen. Als Teil eines heiligen Aktes, um streng nach der Jaina-Lehre Ihre irdischen Leidenschaften zu überwinden und zur Erleuchtung zu kommen. Aber wie gesagt, erst 2018. Heute erwartet uns Mysore 3 4 mit seinen prunkvollen Erbschaften der Maharadschas. Der Chamundeshwari-Tempel gehört noch nicht dazu, aber er vermittelt ein erstes Gefühl für architektonische Dimensionen, die uns fremd sind. Derart vorbereitet, kann der Maharadscha-Palast Amba Vilas kommen. Marmorkuppeln, kostspielige Mosaiken, Buntglasdekore und Spiegelwände bis hin zum goldenen Thron zeugen von einer Epoche, in der die Rupien offenbar keine Rolle spielten. Vier Millionen, falls Sie es genau wissen wollen. Auf dem Devaraja-Markt, dem buntesten in ganz Südindien, kommen Sie mit deutlich weniger aus und haben mindestens genauso viel Spaß.
Teeplantagen am Ooty-See (© naufalmq, iStockphoto.com / Chamäleon)
Es folgt der botanische Teil unserer Reise. Ooty 5 sagen die Inder, wenn sie nach ihrer Freizeitplanung gefragt werden, und jeder weiß, dass die Nilgiri-Berge gemeint sind. 24 Gipfel über 2.000 Meter, eingefasst von Bergwäldern und Wiesentälern mit planlosen Wildwasserbächen, vereinen sich zu einer Idylle, in die die Briten ihre beliebten Hill-Stations setzten. Aus dieser Ära resultiert ein vergnügliches Weltkulturerbe, ein Muss für jeden Naturliebhaber: die Nilgiri Mountain Railway mit der legendären blauen Schmalspurbahn Toy Train. Wir wünschen gute Unterhaltung, denn auf irgendeine Weise kommt der Kontakt mit den Einheimischen immer zustande. Und sollte unterwegs eine Ziege zusteigen, quittieren Sie es mit einem Lächeln. Nach etwa 150 Kurven, einem Dutzend Tunnel und gut 200 Brücken ist es genug: Coonoor – alles aussteigen bitte. Aber nur, um gleich wieder einzusteigen, denn was die Bahn nicht schafft, machen wir mit dem Auto: nach Dindigul 6 zwischen den Palani- und den Sirumalai-Bergen, wo das Hotel Lakeside den Reigen unserer zweitägigen Naturerlebnisse vollendet.
Minakshi-Tempel in Madurai (© robas, iStockphoto.com / Chamäleon)
1859 verlagerte die britische Armee ihren Stützpunkt von Dindigul nach Madurai 7. Lag’s an der fischäugigen Göttin Meenakshi? Jedenfalls soll sie sehr hübsch gewesen sein und stand überdies im Zentrum der Verehrung, weshalb der alles überragende Tempel ihren Namen trägt. Seine zwölf gigantischen Tortürme beherrschen das Stadtbild, aus welcher Blickrichtung auch immer. Probieren Sie es aus: In den Straßen der Altstadt, vom schlachtenerprobten Nilakottai Fort, vom Markt bei traditionellen Töpfern und Webern, in der Dorfschule und dem Dorftempel – immer und überall sind die majestätischen Minakshi-Türme gegenwärtig. Also müssen wir hin. Zu einer besonderen Abendzeremonie, wenn Göttergatte Shiva in einer Sänfte zu seiner Gemahlin Meenakshi getragen wird, damit sie zusammen die Nacht verbringen. Den Rest können Sie sich denken.

Auch gut geschlafen? Dann müssen Sie das Heiligtum aber noch von innen sehen. Wobei der Begriff Heiligtum noch nichts über die Dimensionen des Minakshi-Tempels sagt. Sechs Hektar misst die Grundfläche des gesamten Komplexes, eine Stadt in der Stadt, das herausragendste Beispiel dravidischer Tempelarchitektur. Säulenhallen, Tempelteiche und massenhaft bunt bemalter Figurenschmuck sind obligatorisch. Selbst Madurai 8, das sich um den Tempel herum entwickelt hat, richtete seinen Stadtgrundriss an dem Wunderwerk aus.
Inder bei der Teepause (© Ursula Reddmann / Chamäleon)
Tief inhalieren bitte, was bereits die Briten schätzten, denn auch Munnar 9 war der fantastischen Luft wegen eine Hill Station. Hügel rauf, Hügel runter – so weit das Auge reicht nichts als Teeplantagen. Wo, wenn nicht hier, kann man das Aroma eines First Flush erfahren, der jeder englischen Lady vor Entzücken ein hingehauchtes »Oh, my dear« entlocken würde. Wir hauchen bzw. hören gut hin bei tiefen Einblicken in eine göttliche Teekultur.

Göttlich ist auch eine passende Überleitung für Dewalokam 10 11, den inoffiziellen Wohnsitz der Götter. Es winkt uns aber kein neues Heiligtum, sondern eine unaussprechlich schöne Landschaft, wo im wahrsten Sinne des Wortes Milch und Honig fließen. Jose und Sinta, eigentlich Lehrer, aber Bauern aus Leidenschaft, sorgen für die nachhaltige Bewirtschaftung. Das Ergebnis bedarf nicht vieler Worte, nach der abendlichen Kochstunde wird es Ihnen auf der Zunge zergehen. Nach dem Essen sollst du ruh´n oder tausend Schritte tun. Exakt in dieser Reihenfolge gehen wir vor. Ausschlafen, gegebenenfalls etwas Yoga, dann die Wanderung durch den Dschungel zum Thommankuthu-Wasserfall. Sieben Mal wirft er sich über die Felsenplateaus in die Tiefe und nährt mit seiner Gischt einen malerischen Nebelwald.
Kathakali Theater (© Antoine Weis / Chamäleon)
Der Name Kochi 12 13 geht auf »kleine Lagune« zurück, was sehr lange her sein muss, denn 1341 verwandelte eine Flutkatastrophe die Lagune in ein respektables Hafenbecken und legte damit den Grundstein für ihren Aufstieg als Wirtschaftszentrum. Auf der vorgelagerten Romantikinsel Kumbalangi ist die Zeit hingegen stehen geblieben. So felsenfest, dass durch die Verknüpfung von Tradition und ökologischem Tourismus ein kleiner Schritt in Richtung Wohlstand versucht wird. Sieben Kilometer sind keine Strecke für ein Fahrrad. Aber unterwegs 13 verschiedenen Volksgruppen zurückwinken, das ist schon sehr ungewöhnlich. Dann kommt noch die Handschrift der Portugiesen dazu, später der Holländer und schließlich der Briten – fertig ist die »Heimat der Kulturen«. Eine Tour durch das Geschichtsbuch der Jahrhunderte. Wie gut, dass Sie sich im Hotel Xandari Harbour nur noch tiefenentspannt auf die tanzenden Glitzerpunkte des Arabischen Meeres zu konzentrieren brauchen.
Hausboot auf den Backwaters (© byheaven, iStockphoto.com / Chamäleon)
Je tiefer der Süden, desto spärlicher wird die Lebensgrundlage der Menschen. Da geht nichts mehr ohne die Hilfe zur Selbsthilfe. Wie im Kudumbashree-Projekt, das mit seinen 370.000 Mitgliedern jedem zweiten Haushalt im Bundesstaat Kerala Arbeit gibt. Dahinter stehen 370.000 Lebensgeschichten, von denen schon einige reichen, um die Relativität von Zufriedenheit zu erfahren. Zweifellos nur Glücksgefühle erzeugt unsere Bootsfahrt durch Kumarakom 14, wo die Anzahl der Kokospalmen allmählich die Einwohnerzahl übersteigt. Uferzonen voller Lotusblüten, allgegenwärtige Wasservögel und die Verlagerung des alltäglichen Lebens auf die Backwaters kündigen unser Ziel an: das Ende des Festlandes, den Anfang paradiesischer Traumstrände. In Thiruvananthapuram noch ein Stopp am Napier-Museum, ein letzter Blick in die renommierte Sri Chitra Art Gallery, dann dominieren in Kovalam 15 16 die Schönheiten der Natur und ein Intensiverlebnis mit der indischen Gastfreundschaft.
Fischerboot Indien (© 578foot, iStockphoto.com / Chamäleon)

Wir können es leider nicht ändern und es tut uns auch wirklich leid, aber aller Voraussicht nach steht Ihnen in Frankfurt 17 ein Kulturschock bevor: Sauwetter und niemand da, der gekochte Bohnen verteilt.

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