Wenn Sie auf Ihrem Flug von Frankfurt 1 nach Bangkok 2 nur halb so bequem sitzen wie der goldene Buddha im Tempel Wat Pho liegt, hat sich die Reise schon gelohnt. Zumindest unter dem Aspekt der Erholung. Aber Sie wollen ja was erleben, also machen Sie sich bereit, zu Fuß, mit Skytrain, Boot und Tuk-Tuk die günstigste Fortbewegungsart durch die Hauptstadt des Königreiches Thailand zu testen. Ein strammes Programm, aber Sie sind ja erholt, und wir haben nur diesen einen Tag. Thailändisch essen wollen wir auch noch, und wenn wir die 400 Tempel der Kulturmetropole auch nicht schaffen, so doch den berühmten liegenden Buddha mit Schuhgröße 748. Da können Sie sich denken, welche Dimensionen der Rest haben muss. Und wie gesagt, von oben bis unten in Gold.
Gebetsfahnen im Paro-Tal (© Red Lion Travel / Chamäleon)
Ganz Bhutan, das Land des Donnerdrachens, hat nur knapp zehn Prozent der Einwohner von Bangkok. Das werden gemütliche Tage, wären da nicht die allgegenwärtige Kulisse des Himalaya, die unwegsamen Wälder, durch die Schneeleoparden und Tiger streifen, und das vom tiefen Glauben an den tantrischen Buddhismus geprägte Leben. Im Flieger links sind die besten Plätze für spektakuläre Bilder von der Göttin in Stein, dem Goddess Peak, über den Schluchten des Yangtze. Dann landen wir, wo normalerweise nur der Nashornvogel fliegt, im Bergeinschnitt des Paro-Tals 3 4. Der weite Weg ins 17. Jahrhundert führt über eine schindelgedeckte Brücke zum Paro Dzong. Wie fast alle Klosterburgen in Bhutan wurde es gebaut, um das junge Land gegen die Besitzansprüche verfeindeter Orden zu verteidigen. Für diesen Zweck allerdings ausgesprochen prachtvoll. Wer sich ein kleines bisschen auskennt, der bekommt bei dem Namen »Tiger’s Nest« leuchtende Augen. Das berühmte buddhistische Kloster, das eher wie ein Schwalbennest auf 3.120 Meter Höhe an einem Felsen klebt, ist nur zu Fuß und entsprechend spektakulär erreichbar. Das hindert uns nicht am Aufstieg zu den neun heiligen Höhlen, deren Name sich aus der Legende ableitet, dass der Begründer des tibetischen Buddhismus einst auf einem Tigerweibchen geflogen kam. Brummm. Boiiing.
Umrundung der Memorial Chorten in Thimphu (© Red Lion Travel / Chamäleon)
Thimphu 5 6 ist die Hauptstadt des buddhistischen Königreiches und liegt malerisch eingebettet zwischen grünen Bergen am Fluss Wang Chu. Damit erschöpft sich auch schon jede halbwegs normale Beschreibung, und eine rätselhafte Welt beginnt. Sie reicht zurück bis zu dem großen Baumeister Thangtong Gyalpo, der auf einer Anhöhe vor Thimphu die Vision eines heiligen Pferdes hatte. Er verstand die Botschaft und ließ an dieser Stelle das Tachogang-Kloster bauen, das sinnigerweise den Namen »Tempel des Hügels des ausgezeichneten Pferdes« trägt.
Durch Ihre Reise werden Sie für einen Augenblick ein Teil des »Bruttonationalglücks«, jener seligen Ausgeglichenheit, die staatlich verordnet ist. Aber das Glück fällt auch in Bhutan nicht vom Himmel, man muss täglich ein bisschen dafür tun. Zum Beispiel rund um den Stupa »National Memorial Chorten« laufen und dabei die Gebetsmühlen drehen. Aber bitte nur im Uhrzeigersinn, sonst glückt es nicht. Wir müssen dann noch mal ein paar Hundert Jahre zurück für das wichtigste religiöse Zentrum der Bhutaner. Changangkha Lhakhang, hoch über Thimphu, beherbergt den elfköpfigen Gott der Barmherzigkeit, und wenn Sie auch die »Festung der glorreichen Religion« noch gesehen haben, festigt sich Ihr Gefühl für die innige Friedensbotschaft dieses Landes.
Nebel im Punakha-Tal (© Kai-Uwe Kuechler / Chamäleon)
Kein Segen der Natur ohne die Dankbarkeit der Menschen. Im Kloster Chimi Lhakhang ist es der Tempel der Fruchtbarkeit, den wir nach einer Wanderung durch das Tal von Lobesa erreichen. Wälder voll Rhododendron, Magnolienhaine und grellgrüne Reisfelder scheinen die Wirkung des Tempels zu bestätigen. Da ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Status eines Wallfahrtsortes, an dem vor allem Frauen um Fruchtbarkeit beten. Zhingkham bedeutet Himmel, und dorthin fühlen Sie sich versetzt, wenn wir in Punakha 7 8 das Zhingkham Resort erreicht haben. Das Bergpanorama zum Greifen nah, das Punakha-Tal zu Füßen, ist Ihre Bleibe heute ein ergreifendes Stückchen vom Dach der Welt. Auf ihm wandern wir an jene Stelle, die der Welt Frieden, Stabilität und Harmonie schenken soll, zum Khamsum Chorten. Funktioniert augenscheinlich nur in Bhutan, aber man soll im Bestreben – hier: im Beten – nicht nachlassen. Ob nun der »Palast des großen Glücks« zwischen Mann-Fluss und Frau-Fluss oder jeder andere der großzügig verteilten Dzongs – immer waren es die Mönche, die mit großartigem Kunstsinn ihrem Glauben Ausdruck gaben. Ihr Leben war ungleich bescheidener als ihr Wirken, in der Mönchsschule lernen wir ihre Regeln des Verzichts.
Detail am Chendebji Chorten (© Kai-Uwe Kuechler / Chamäleon)
Die Wege im Himalaya sind nicht schnurgerade, keine Autobahn nirgends. Es geht hin und her, nach links und rechts, durch Täler und über Höhenzüge. Der Pele-Pass ist so einer, er trennt West- von Zentralbhutan. Die Chorten – Sie erinnern sich: Kultbauten des Buddhismus und Weiterentwicklung der indischen Stupas – waren grenzüberschreitend, und je nachdem, wer den Auftrag zum Bau gab, tragen sie unverkennbare Merkmale. Die nepalesische Variante erkennen Sie an den Augen, die in alle Himmelsrichtungen blicken, aus denen das Böse kommen könnte. Heute sind wir es nur, die sich dem Chendebji Chorten in Trongsa 9 nähern. Zweifelsfrei in friedlicher Absicht, auch wenn wie immer viel Gold im Spiel ist.
Klosterfestung Trongsa-Dzong hoch über der Stadt (© Kai-Uwe Kuechler / Chamäleon)
An einer unvergleichlichen Stelle, auf einem Sporn über dem Mangde-Fluss, liegt der schönste und mächtigste Dzong des Landes. Strategisch genial, denn den Handelsreisenden blieb seit dem 17. Jahrhundert nichts anderes übrig, als auf halsbrecherischen Pfaden bis zur Klosterfestung und dann mittendurch zu reiten, wo sie vom vorsitzenden Penlop nach Belieben geschröpft wurden. Es liegt im Auge des Betrachters, wie Bumthang 10 11 übersetzt wird, wobei »thang« zweifelsfrei für den Platz oder die Stelle steht. »Bum« hingegen wird als Gefäß für heiliges Wasser und damit die fruchtbare Hochebene oder die schönen Mädchen im Tal interpretiert. Entscheiden Sie das bitte selbst. Es ist nun an der Zeit, etwas für Ihr gutes Karma zu tun. Kurjey Lhakhang, die letzte Ruhestätte der ersten drei Könige von Bhutan, ist der ideale Ort dafür. Das herausragende Kloster wurde um eine Höhle herum gebaut, in der schon der berühmte Religionsstifter Guru Rinpoche meditierte. Wir zünden stattdessen ein Butterlämpchen an und helfen damit, die bösen Geister zu vertreiben. Die Belohnung folgt auf dem Fuß: nennt sich Red Panda und braut bhutanisches Bier. Heiliger Gerstensaft.
Brennender See im Tang-Tal (© Kai-Uwe Kuechler / Chamäleon)
Wo viele Berge stehen, sind die Täler nicht weit. Im Wechsel von Dörfern, Feldern und Seen – auch »brennenden« – entsteht eine märchenhafte Idylle, in der Wassermühlen aus dem 18. Jahrhundert einen sedierenden Takt vorgeben. Keine Museumsstücke, sie drehen sich nach wie vor im Saft des Alltags. Der Chogyam-Tempel im Tang-Tal 12 hatte da weniger Glück. Er gibt den Kampf gegen den Zahn der Zeit so gut wie verloren. Immerhin stehen die Mönche des zugehörigen Klosters auf seiner Seite, die uns – eine kleine Spende verlängert Redezeit und Chancen des Tempels – die Geschichte der heiligen Stätte erzählen, in der noch 15 Waisenkinder leben.
Dzong von Gangtey im Kranichtal (© Red Lion Travel / Chamäleon)
Wenn Sie bis hierher noch nicht zu einem tiefen inneren Gleichklang gefunden haben, hilft nur noch eines: das Winterquartier der Schwarzhalskraniche in der Abgeschiedenheit des Phobjikha-Tals 13. Straßen werden zu Wegen, Dorfgrenzen verlieren sich in der Weite der Bilderbuch-Landschaft, in der Ferne grüßen die schneegetoppten Gipfel des Himalaya-Massivs. Hier – in einem Dorf mit Namen Gangtey – liegt das traditionelle Bauernhaus unserer heutigen Gastgeber. Wo wollen Sie tiefer in die bhutanische Seele eintauchen als beim familiären Abendessen mit Übernachtung und sagenhaftem Sonnenaufgang im Phobjikha-Tal? Übrigens ein Besuch zur gegenseitigen Freude, denn er trägt ein kleines bisschen zu mehr Lebensqualität der Menschen in Gangtey bei.
Traditioneller Maskentanz in Paro (© Kai-Uwe Kuechler / Chamäleon)
Unser Weg zurück an den Anfang unserer Reise ist ein einziges Panoramaspektakel. Dochu-Pass, die Himalaya-Hauptgrate Gangla Karchung, Zangphu Kang und Gangkar Punesum und nach unserer Ankunft in Paro 14 das Bhutan Mandala Resort, halbhoch gelegen, damit Sie einen letzten Blick über das Paro-Tal, seine Reisfelder und die Festungen Ta Dzong und Rinpung Dzong werfen können. Zum Abschied wird in Bhutan traditionell getanzt. Entgegen seinem Namen wird der »Tanz des Hirsches und des Hundes« von Menschen vorgeführt, die uns in den zwei Wochen unserer Reise durch ihre beeindruckende Friedfertigkeit ans Herz gewachsen sind.
Berge des Himalaya (© Red Lion Travel / Chamäleon)
Eines Tages wird Bhutan direkt angeflogen werden – und das wäre schön –, vielleicht auch nicht, damit die religiöse Seelentiefe noch lange ihre Ruhe hat. Wir nehmen den Weg, den wir gekommen sind, von Paro nach Bangkok 15 und mit einer komfortablen Zäsur im Amaranth Airport Hotel weiter nach Frankfurt 16. Wie lange es auch halten mag, für den Moment sind Sie ein anderer Mensch geworden.

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