Man könnte es einen modernen Dreisprung nennen, nur landen Sie am Ende nicht in der Sandgrube, sondern am Tor zum Urwald. Der erste Hüpfer ist kaum der Rede wert, von Ihrem Wunschflughafen nach Madrid. Vom zweiten bekommen Sie praktisch nichts mit, weil Sie bis zur Zwischenlandung in Lima in erwartungsvollen Träumen liegen, und der dritte – nun ja, da setzt sich bis zur Landung in Bolivien die Vorfreude durch.
Tatsächlich wird Santa Cruz 1 2 das »Tor zum Urwald« genannt, was mitunter falsch gedeutet wird, denn sie ist die architektonisch modernste Wirtschaftsmetropole des Landes. Mit dem kleinstädtischen Charme der spanischen Kolonialzeit rund um den Platz des 24. September und so monumentalen Gegenstücken wie der Basílica Menor de San Lorenzo oder dem Palacio de Justicia. Und wo ist nun das Tor? Wir tasten uns langsam heran und nehmen für den Anfang die türkisblauen Naturpools, Wasserfälle, Orchideengärten und das Schmetterlingsgehege im Biocentro Güembé. Sie möchten lieber baden statt laufen? Bitte sehr, nur zu.
Stadtansicht von Sucre (© Dmitry Lityagin, iStockphoto.com / Chamäleon)
Noch so ein Missverständnis, denn Sucre 3 klingt nach einer süßen Verführung, dabei war Antonio José de Sucre der Revolutionsführer, der 1825 die Unabhängigkeit erzwang, worauf La Plata die neue Hauptstadt Boliviens wurde und fortan Sucre hieß. Basta. Aber Weltkulturerbe wurde sie dann auch noch, vor allem wegen der Flut an barocken und neoklassizistischen Prachtbauten, die sie zur besterhaltenen authentischen Kolonialstadt Südamerikas machen. Und wenn Sie am freien Nachmittag auf eigene Faust durch die blendend weißen Schachbrett-Straßen der Altstadt flanieren, ist eine kurzzeitige Verwechslung mit Andalusien nicht ausgeschlossen. Am Ende aller Wege liegt das Hotel de Su Merced. Klar, in feinstem Kolonialstil mit sonnigem Innenhof, Springbrunnen und Dachterrasse, wo Ihnen auf Wunsch Ihr Abendessen serviert wird, mit romantischem Rundumblick als Dessert.
Glockenturm in Potosi (© Nina Bäker / Chamäleon)
Reden wir lieber nicht darüber, dass Potosí 4 in der Sprache der Quechua »Lärm« bedeutet. Da klingt Cerro Rico, »Reicher Berg«, doch gleich viel sympathischer. Aber beide haben miteinander zu tun, denn Potosí hat einst die Hälfte des gesamten Weltsilbers aus dem Berg geholt. Das ging nicht ohne Lärm ab, aber der Gegenwert war gigantisch: goldbestückte Kirchen, Stadtpaläste aus edlen Hölzern, Straßenpflaster aus Silber und schließlich Kunstmetropole. Irgendwo musste das ganze Geld ja hin. Da braucht das Auge einen natürlichen Katalysator, für den sich am besten endlose Salzseen, gewaltige Andenvulkane und farbenprächtige Lagunen eignen. Wir sind bereits unterwegs.
Reisegruppe auf dem Salar de Uyuni (© Bibiana, Inkaland Tours / Chamäleon)
Am Abend noch rechtzeitig eingetroffen, brauchen Sie sich um das Salz fürs Frühstücksei keine Sorgen zu machen. 140 Kilometer lang und 110 Kilometer breit ist der größte Salzsee der Welt, der Salar de Uyuni 5. Und wenn man weiß, dass auf solchen endlos schneeweißen Pfannen Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt werden, dann juckt es ordentlich, mitzuhalten. Ein Rekord ist mit Sicherheit unserer: Pegelhochstand der Gefühle, wenn das Kochsalz hinter uns in Wolken aufgeht. Aber dann die Überraschung: meterhohe Kakteenwälder, in denen sich possierliche Hasenmäuse aus der Familie der Chinchillas eingenistet haben. Als würden im Toten Meer plötzlich Fischschwärme gesichtet. Wer weiß, jedenfalls werden wir die Ansicht, dass mit Salz nicht viel anzufangen ist, wohl korrigieren müssen. Wenn dem so wäre, hätten Sie heute kein Dach über dem Kopf, weil die beeindruckende Wüstenarchitektur im Hotel Palacio de Sal vorwiegend aus Salzziegeln besteht. Wenn das so ist, wünschen wir eine gesalzene Nacht.
Wanderung im Mondtal bei La Paz (© Nina Bäker / Chamäleon)
Wo man über unendliche Salzkrusten flitzen kann, passt auch ein Flughafen hin. Wir starten nach La Paz, denn es führt kein anderer Weg nach Tiahuanaco 6. Der aber lohnt sich, handelt es sich doch um die sagenhafte Stadt mit dem Namen »Setz dich nieder, kleines Lama«, von der erst ein Prozent freigelegt ist. Das aber gibt einen ergreifenden Vorgeschmack auf den Stand der Präinkakultur. Das Sonnentor, aus einem 12-Tonnen-Andesitblock geschlagen und mit dem Fries einer Gottheit gekrönt, lässt allenfalls erahnen, was noch im Boden der kargen Hochebene ruht. Der »Mönch«, das Tor zur Kalasaya-Plattform, der versunkene Hof mit den Relieffiguren – dieses Weltkulturerbe erzeugt Ehrfurcht. Da kommt die märchenhafte Dachterrasse des Hotels La Casona genau richtig für ein paar stille Reflexionen über Gott und die Welt.
Angebot auf dem Hexenmarkt in La Paz (© Nina Bäker / Chamäleon)
La Paz 7 ist einen Rundgang wert. Wenngleich nicht Hauptstadt, schlägt hier dennoch das Herz Boliviens. Und es schlägt auf dem rechten Fleck, in der Kirche San Francisco, auf dem Hexenmarkt und dem turbulenten Mercado Rodriguez, wo Spielzeugpuppen an Fisch und Gewürze gleich sackweise feilgeboten werden. Etwa zehn Kilometer weiter schlägt Ihr Herz. In der bizarren Landschaft des Valle de la Luna. Tausende Felsspitzen und -spalten, Erdhügel und Erdlöcher aus Millionen Jahren Erosion ergeben eine unwirkliche Ecke unseres Planeten, die den Namen Mondtal verdient hat. Am Nachmittag sind Sie zurück auf der Erde und können das Herz Boliviens noch ein bisschen unsicher machen. Vielleicht aber auch umgekehrt.
Bootsfahrt auf dem Titicacasee (© Walter Silvera / Chamäleon)
Wenn das Stichwort Copacabana fällt, liegen Sie garantiert falsch, obwohl sich die Stadt auf der Halbinsel im Titicaca-See 8 ähnlich lustvoll präsentiert wie ihre große Schwester in Brasilien. Sonneninsel heißt unser Ziel auf dem See heute, und wir steigen ins Motorboot, um einer fantastischen Geschichte auf den Grund zu gehen. Denn der Schöpfergott Viracocha hatte diesen Ort einst auserkoren, um die Sonne, den Mond und die Menschen zu erschaffen. Irgendwie hat es auch geklappt, aber auf welche Weise der Sonnenuntergang dazukam, ist nicht überliefert. Allerdings müssen auch die Götter mal Pause machen, und wie immer in solchen Fällen, ist das schönste Plätzchen gerade gut genug.  In diesem Fall der zweistöckige Palast Pilko Kaina. Heute leider nur noch Ruine, aber der Blick auf den See und das Andenpanorama ist sensationell wie eh und je. Allenfalls übertroffen vom Sonnenaufgang, wenn er sich vor der Ecolodge La Estancia im Titicaca-See spiegelt.
Uro-Frau beim Kochen (© Walter Silvera / Chamäleon)
Etwa 1.200 v. Chr. setzte der Sonnengott Inti seine beiden Kinder auf dem heiligen Felsen der heutigen Chincana-Ruinen ab und gab ihnen den Auftrag, die Inka-Dynastie zu gründen. Sie erledigten den Auftrag mehr als gründlich durch die Zerstörung aller Vorgängerkulturen. Und so flüchteten die Ureinwohner vom Festland am See auf die sogenannnten Islas Flotantes. Schwimmende Inseln, die sie aus getrocknetem Totora-Schilf bauten, einschließlich Häusern, Booten, Spielplätzen, Aussichtsturm – alles aus den spröden Stängeln. Mittagessen auch, sozusagen Fish & Schilf. Das »Huch-Gefühl«, wenn wir ein Bein auf den watteweichen Untergrund setzen, spüren die Bewohner schon lange nicht mehr. Aber ihre Inseln halten sie auf Trab, denn von unten frisst sich allmählich die Fäule durch das botanische Fundament, und es wäre nicht das erste Mal, dass ein Uro-Indianer mit dem ersten Schritt aus dem Bett im See versunken ist. In Puno 9, wird Ihnen das im Hotel Royal Inn gewiss nicht passieren.
Inka Festung Raqchi (© Nina Bäker / Chamäleon)
Die Geschichte verzeichnet viele Hauptplätze der Inka, aber nur eine Hauptstadt: Cuzco 10, in der Sprache der Indios »Nabel der Welt«. Auf einer ganztägigen Fahrt dorthin über den weiten Altiplano zu verträumten Indiodörfern, dem höchsten Andenpass La Raya und durch das Flusstal des Vilcanota zwischen Gletscherbergen, still ruhenden Seen und Alpakaherden stoppen wir im Bergdorf San Pedro de Andahuaylillas. Nicht unbedingt des Ortes, aber eines seltenen Glanzstückes wegen, das ihm den Beinamen »Sixtinische Kapelle Amerikas« eingebracht hat. Im 17. Jahrhundert bauten die Jesuiten die Kirche San Pedro in einer beispiellosen Vielfalt und Kostbarkeit. Nicht ein Fleckchen blieb unbedeckt von vielfarbigen Retabeln, Bildern und Fresken. Die Decke im Mudéjar-Stil glänzt vor Gold, und sehenswert sind auch die beiden Orgeln, die zu den ersten in Lateinamerika zählen.
Projektbesuch im Inkadorf Umasbamba (© Inkaland Tours / Chamäleon)
Urubamba-Tal 11 klingt schon interessant, aber Heiliges Tal der Inka verspricht noch sehr viel mehr. Ein bizarres Hochland, gerade recht, um hier die Filmklassiker »Fitzcarraldo« und »Aguirre« mit Klaus Kinski zu drehen. Die Einheimischen durften mitspielen und waren dennoch froh, dass sie irgendwann ihre Ruhe wiederhatten. Bei uns ist das anders. Wir erzeugen im Andendorf eine herzliche Freude und werden gebeten, doch zu bleiben. Machen wir, was zur Folge hat, dass sie in Windeseile ein Loch graben. Mit heißen Steinen wird es ausgekleidet, dann kommen Fleisch, Kartoffeln, Gemüse hinein und obendrauf Erde. So gart es vor sich hin, während wir noch in Begleitung von zwei Dorfbewohnerinnen die zauberhafte Umgebung erwandern. Den Rest können Sie sich denken: nennt sich Quechua, Erdtopf. Lecker, lecker. Bis Maras sind die Filmfritzen nicht gekommen. Dabei hätten sie hier großartige Bilder vom »weißen Gold der Anden« machen können. Seit der Inkazeit harren die Menschen an terrassierten Pfannen aus, bis die Sonne aus der natürlichen Sole Salz gemacht hat.
Blick auf die sagenumwobenen Inkastadt Machu Picchu (© Nina Bäker / Chamäleon)
Da ruht sie nun schon seit 600 Jahren eingebettet zwischen Andengipfeln, und man kann sich immer noch nicht erklären, wie diese Wundertat möglich war und warum Machu Picchu 12 dennoch wieder verlassen wurde. Sie vielleicht? Mit dem Andenzug schnaufen wir von Ollantaytambo nach Aguas Calientes. 30 Minuten die Serpentinen hoch, dann liegt die sagenumwobene Inkastadt vor Ihnen. Die Luft bleibt einem weg bei diesem Anblick. Und der Gedanke, wie Menschen solch eine Leistung vollbringen konnten und warum ausgerechnet an dieser Stelle, wird Sie auf Schritt und Tritt durch die unzähligen Tempel, Paläste, Brunnen und Terrassen begleiten. Warten Sie nicht auf eine Antwort, lassen Sie sich von der Großartigkeit dieses Weltkulturerbes einfach davontragen.
Zentrum von Cusco (© Stephan Laude / Chamäleon)
Zurück in Cuzco 13, gilt es noch der Frage nachzugehen, warum die Indios diesen Ort als Nabel der Welt bezeichneten. Vielleicht finden wir die Antwort bei einem Rundgang durch die historische Altstadt, im Künstlerviertel San Blas oder am berühmten Stein der zwölf Ecken. Vielleicht überkommt uns die Erleuchtung im Angesicht des unvorstellbar präzise errichteten Sonnentempels Coricancha. Aber offen bleibt, wie es den Inka gelang, die tonnenschweren Steine zu platzieren, ohne das Rad zu kennen. So werden Sie wohl ein paar Rätsel mitnehmen müssen, wenn Sie am Nachmittag über die Anden zurück nach Lima 14 fliegen.
Lama auf den Terrassen von Machu Picchu (© Luisa Mentz / Chamäleon)
Letzte Gelegenheit, in der »Stadt der Könige« das Füllhorn der unvergesslichen Eindrücke voll zu machen: Plaza Mayor, der Palast des Erzbischofs, das Kloster San Francisco. Dann ist wieder Zeit für den modernen Dreisprung. Rückwärts diesmal, zum Tor des Alltags in Deutschland 15. Aber was hindert Sie, noch einmal Anlauf zu nehmen, wenn Ihnen Ihre Erinnerungen flüstern: Das kann noch nicht alles gewesen sein.

Noch mehr Gänsehaut

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