Ein ganzes Land atmet Vergangenheit. Und man sollte Fidel dankbar sein, dass er mit eiserner Hand die Zeit angehalten hat. Was wäre sonst mit dem morbiden Charme, der aus allen Ritzen quillt? Auf welchen Schrottplätzen lägen all die Straßenkreuzer-Dinos in Babyblau und Lätzchenrosa? Wo sonst würden die edelsten aller Zigarren noch von zarten Frauenhänden gerollt? Wo wäre dieser Flitter aus den burlesken Zeiten einer Josephine Baker, der mit leicht bekleidetem Lächeln alle Existenzsorgen hinwegfegt? Wenn Sie am Abend in Holguín 1 eintreffen, ist davon noch nichts zu sehen, dafür viel karibisches Grün in der »Stadt der Parks«. Noch mal loslaufen wäre keine schlechte Idee.
Tanzgruppe in Havanna (© Jeannette Lobert / Chamäleon)
Fidel Castro verlieh ihr den Titel »Heldenstadt«, im Wappen steht das Motto »ehrwürdig und loyal«. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit über Santiago de Cuba 2 3, wo sich indianische, afrikanische und europäische Geschichte zu einem Rührkuchen der Kulturen vermengt haben. Sortenrein hingegen waren und sind immer noch die Stumpen, deren Dunst die Welt erobert haben – Cohibas, von flinken Frauenhänden feinfühlig gerollt. Genuss für hinterher, weshalb wir auf dem herzförmigen Inselchen Cayo Granma erst mal zu unserem Mittagessen schippern. Danach können Sie paffen.
Cienfuegos (© Florian Becker / Chamäleon)
Am 5. November 1513 hat der spanische Konquistador Diego Velázquez de Cuéllar eine der ersten kubanischen Ortschaften gegründet und nannte sie Villa de San Salvador. Sie sollte 350 Jahre später die Keimzelle des Unabhängigkeitskampfes werden und gilt heute unter dem Namen Bayamo als Wiege der kubanischen Nation. Gemütlich und zauberhaft, wie es sich für eine Wiege gehört, weshalb unser Gefährt durch die beschauliche Altstadt eine Pferdekutsche ist. Als die Einwohner von Camagüey die ewigen Piratenüberfälle dicke hatten, verlegten sie die Stadt kurzerhand ins Inselinnere. Ihr Trinkwasser konnten sie allerdings nicht mitnehmen. So entstand die Idee der Tinajonas von Camagüey 4: gewaltige Tonkrüge, dick wie Buddha. Sie stehen in vielen Eingängen und Innenhöfen, um Regenwasser zu speichern und kühl zu halten. Schön anzusehen, nur als Souvenir leider nicht geeignet. Aber Ihre Erinnerungen an den lauen Abend in den Gassen des Weltkulturerbes, die dürfen Sie mitnehmen.
Blick über Trinidad (© Nikada, iStockphoto.com / Chamäleon)
Es folgt der blutdrucksenkende Teil, denn es wäre hilfreich, wenn Sie very entspannt in die zweite Hälfte Ihrer Reise starten. Zuvor wollen wir noch etwas Gutes tun, denn bis zum Wohlstand für alle ist es in Kuba noch etwas hin. Im Sozialprojekt Camaquito, das Kinder und Jugendliche mit Sport, Gesundheit und Umweltbewusstsein von der Straße holt, hat die Chamäleon-Stiftung den Part der Bildung übernommen und fördert das Café Literario. Dann wird es Zeit für Ihre Urlaubslektüre, weil Sie im Meliá Cayo Coco garantiert schon Ihr Lieblingsplätzchen ausgemacht haben. Irgendwo zwischen Palmen und Pool und dahinter der türkisgrüne Karibikgürtel mit seinen Korallenriffen und den Flamingoschwärmen. Sie alle geben den Takt auf der Insel Cayo Coco 5 6 vor, in dem Sie sich vom Rücken auf den Bauch wenden oder ab- und auftauchen können. Ganz so, wie es Ihr Glücksgefühl vorsieht.
Childrens Gang (© Ingo Rother / Chamäleon)
Das nennt man zäh. 1516 in nur zwei Jahren gebaut. 1524 an den Rio Yayabo verlegt. 1719 gebrandschatzt. Aufgeblüht durch Zuckerrohr. 1847 von Piraten geplündert. 2002 vom Hurrikan verwüstet. Und Sancti Spíritus 7 steht immer noch. Mit allem, was aus guten und schlechten Zeiten übrig blieb: die Terrakottabögen der mittelalterlichen Brücke zum Beispiel, die älteste Kirche Kubas und die Lebenslust in den engen bunten Gassen. Wie so oft machten die Einwohner aus der Not eine Tugend und so entstand die privat organisierte Landwirtschaft Organoponico. Ein Glück, vielleicht haben Sie ja Hunger.
Auf den Pflastern von Trinidad (© Iris Michelfeit / Chamäleon)
Im Tal der Zuckerrohrmühlen steht immer noch der Sklaventurm, von dem aus die Leibeigenen in Schach gehalten wurden. Heute zählt nur noch sein großartiger Blick über das Valle de los Ingenios. Die, denen sowohl die Sklaven als auch die endlosen Plantagen gehörten, saßen ein paar Kilometer weiter im Speck. Geld hat hier keine Rolle gespielt. So wurde das Weltkulturerbe Trinidad 8 ein Glücksfall der Kolonialarchitektur und die Lücken dazwischen haben steinreiche Zuckerbarone mit bombastischen Herrenhäusern gefüllt.
Blick über Santiago de Kuba (© golero, iStockphoto / Chamäleon)
Christoph Kolumbus war der erste, der 1494 in der zauberhaften Bucht landete und sich vor Begeisterung kaum beherrschen konnte. Heute sind wir es. Dazwischen lag eine stürmische Zeit mit Piratenüberfällen, der ersten Zuckermühle, Sklavenarbeit, französischer und spanischer Kolonialkultur. Von allem ist etwas übriggeblieben. Eine wundervolle Melange, einschließlich Triumphbogen, dem Parque José Martí und der Plaza Mayor mit dem Teatro Tomás Terry, wo der große Caruso das hohe C sang. Da blieb nur die Möglichkeit, Cienfuegos 9 zum Weltkulturerbe zu erklären. Unsere Bootstour in die abendliche Jagua-Bucht hätte es eigentlich auch verdient.
Das Treffen (© Steffen Rothammel / Chamäleon)
Wo die Halbinsel Zapata einen Fluchtversuch in die Karibik wagt, liegt die einst heiß umkämpfte Schweinebucht 10. Die Bucht ist noch da, die Schweine sind abgezogen. Zurück blieben Wälder und geflutete Höhlen entlang des Enigma de las Rocas, die uns nach einer biblischen Wanderung in die Bucht Caleta Buena leiten. Ein wunderbar einsames, unbeobachtetes Plätzchen, wo Sie der Geschichte folgend die Sau rauslassen können. Aber bitte mit Badehose, was sollen die Vögel und Reptilien sonst von uns denken?
Strand von Cayo Santa María (© Toni Bauer, Cuba Real Tours / Chamäleon)
Wenn Sie Ihren Augen etwas Gutes tun wollen, ist das Biosphärenreservat Las Terrazas 11 praktisch unvermeidlich. Das von gurgelnden Wasserläufen durchzogene Naturschutzgebiet war seit jeher ein Herzstück ökologischer Kaffeeplantagen. Da war es nur logisch, das ganze Dorf zum Referenzprojekt für einen sanften Tourismus zu machen. Ganz einfach war es trotzdem nicht, und die Einwohner freuen sich darauf, Ihnen das Ergebnis Ihrer beispielhaften Initiative zu zeigen. Dieses Glück bleibt uns erhalten, denn morgen ist eine der schönsten Landschaften Kubas dran.
Palme (© Maja Lamme / Chamäleon)
Wie zum Beweis liegt im Viñales-Tal 12 der Aussichtspunkt Los Jazmines, von dem man einen schwer zu beschreibenden Blick auf die märchenhafte »Kulturlandschaft der Menschheit« hat. Ob auch das Rauchkraut unter der Obhut der UNESCO steht, fragen Sie am besten den Tabakbauern, in dessen Trockenscheunen die Blätter reifen, die einmal als Longfillers um die Welt gehen werden. Wir spüren Ihre Ungeduld, aber seien Sie unbesorgt, noch heute Abend werden Sie auf dem Malecón im Glück versinken. In dem Rhythmus, bei dem man auf Kuba mitmuss.
Plaza Vieja in Havanna (© Jeannette Lobert / Chamäleon)
Man kann über Havanna 13 14 sagen, was man will, aber E-Bikes haben sie. Damit kommen wir in jeden Winkel des Weltkulturerbes. Zu den prachtvollen Palästen aus kolonialen Glanzzeiten, der Plaza de Armas, el Templete, der Kathedrale San Cristobal und hinter die maroden Kulissen, die oft nur noch von der Farbe zusammengehalten werden. Wir haben schon bemerkt, dass Sie den brabbelnden Achtzylinder-Schlachtschiffen mit einem Gesichtsausdruck hinterhergesehen haben, der nicht schwer zu deuten war. Also steigen sie ein und vergessen Sie für einen Augenblick, dass die fahrende Bonbonniere auf Ihrer Tour der Emotionen 30 Liter Sprit durch den Vergaser jagt. Heute Nacht werden Sie auf dem Malecón mittanzen wollen. Und was Sie dazu unbedingt können müssen, sind ein paar Schritte sündige Salsa. Die Tanzkünstler der »Havana Queens Company« laden ein zum Crashkurs. Dann wird es Zeit, die letzten Reserven Ihrer Speicherkarte zu mobilisieren, damit Sie zu Hause 15 daran erinnert werden, warum es sich lohnt, noch einmal wiederzukommen.
Santiago - 15 Tage Wunderwelten-Reise
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