Man nennt das Vorprogramm oder in besseren Kreisen Ouvertüre. Denn Ihr Flug von Frankfurt nach Casablanca 1 landet so zeitig, dass Sie vom abendlichen Flair der Filmstadt noch etwas schnuppern können. Schnuppern Sie ordentlich, denn am nächsten Morgen wird es Ihnen erstmal den Atem verschlagen. In der Nähe unseres Hotels steht die Moschee Hassan II., das größte und dem Anschein nach auch wertvollste Gotteshaus Marokkos für sage und schreibe 25.000 Gläubige. Rabat ist von den vier Königsstädten die jüngste und dennoch bereits Weltkulturerbe, was für die anderen drei ohnehin selbstverständlich ist. Aber davon später. Eine Tour durch die Altstadt zum Hassan-Turm, dem prunkvollen Mausoleum Mohammed V. und der Kasbah des Oudaias mit ihrem traumhaften Andalusischen Garten ist nichts weiter als ein Vorgeschmack auf die Pracht, die Ihnen noch bevorsteht. Dazu gehört auf eine sehr eigene, vor allem hinreißend blaue Art die heilige Stadt Chefchaouen 2, die unter Androhung der Todesstrafe lange Zeit für Ausländer gesperrt war. Wir zählen nicht dazu und lassen uns von der mittelalterlichen Medina faszinieren.
Obstgärten bei Meknès (© Bo Voyages / Chamäleon)
Die Ehre, ein Weltkulturerbe zu sein, sagt noch nichts über den Erhaltungszustand, und die Ruinen von Volubilis sind ein Paradebeispiel dafür. Zumindest der Caracalla-Bogen, das Kapitol, die Basilika, der Tempel des Jupiter, die herrlichen Mosaiken zeugen von einem hohen Kulturstand, bevor Volubilis geschleift und ein Großteil ihres Marmors nach Meknès 3, unserer Königsstadt Nummer zwei, entführt wurde. Dort war es im wahrsten Sinne des Wortes gut angelegt, denn Meknès gilt als das Versailles Marokkos, seine Souks als die schönsten, das Grabmal Mulai Ismails, der den Islam nach Marokko brachte, als unübertroffen prachtvoll, und vom Stadttor Bab Mansour bis zum Königspalast ist der gesamte Rest eine einzige Augenweide.
Im Geberviertel von Fès (© Stephanie Forsch / Chamäleon)
Fès 4 ist die älteste der Königsstädte. Von der Festungsanlage Borj-Sud geht der Blick über die ganze Stadt, hinter deren Altstadtmauern sich traditionell die Kasbah befindet. Gewürze, von denen Sie noch nie gehört haben, sind zu dekorativen Kegeln aufgehäuft, und getrocknete Duftblüten in schreienden Farben werben um Ihre Gunst. In den Soukgassen wird gewebt, gegerbt, gefärbt, gedrechselt, geschmiedet und gestichelt, was das Zeug hält. Die Koranschule Bou Inania, das Mausoleum von Idris II. und die Karaouine-Moschee geben ein Bild von der Bedeutung dieser Orte für Muslime.
Zwei Welten (© Anne Baltes / Chamäleon)
Haben Sie eigentlich schon die Alpen bemerkt, die auch im Sommer mit schneeweißer Zipfelmütze das ferne Panorama der Königsstädte bilden? Sie heißen nur anders, nämlich Kleiner Atlas, Mittlerer Atlas und Hoher Atlas. Zuerst sind es noch ausgedehnte Zedernwälder, wo sich Makaken von Ast zu Ast schwingen, dann wird die Luft dünner und die Landschaft felsiger. Der Hohe Atlas wirft seine Schatten voraus, was wörtlich zu nehmen ist und im Ziz-Tal 5 zu Landschaftsformationen führt, die man ohne Übertreibung atemberaubend nennen kann. Der Name Palais du Désert ist nicht als Hinweis auf die köstlichen Nachtische unseres Hotels zu verstehen, vielmehr pflegt die Sahara in dieser Gegend den Wüstensand zwischenzulagern, den sie gerade nicht braucht. Und das Palais antwortet mit üppigem Pool, Hamam, Gourmet-Restaurant und den Annehmlichkeiten eines orientalischen Palastes.
Marokkanische Oase (© NunoLopes, iStockphoto.com / Chamäleon)
Durch Berberdörfer wie Jorf, Touroug und Tinejdad erreichen wir die Straße der Kasbahs 6, ein Abenteuerland zwischen Geisterbahn und Rosengärten. 300 Meter senkrecht hoch sind die Felswände der Todra-Schlucht, aber da müssen Sie durch, um ins gelobte Land zu kommen. Entschleunigte Minidörfer unter Palmen und dann die Rosen. Die Oase El Kelaa des M’Gouna ist voll davon, was ihr den Namen Rosenstadt und mit Rosenöl und Rosenwasser eine im Wortsinn florierende Existenz beschert hat. Das Wellness-Center im Ksar El Kabbaba ist der verdiente Endpunkt für heute.
Dünenlandschaft der Sahara (© Neundlinger-Schalleschek / Chamäleon)
Die Burg der Burgen trägt den Namen Ait Benhaddou 7, und die haben Sie bestimmt schon mal gesehen. »Sodom und Gomorrha«, »Lawrence von Arabien« oder »Jesus von Nazareth« heißen Hollywoods Sandalenfilme, die in dem UNESCO-Weltkulturerbe gedreht wurden. Die Wettkampfarenen vor dem Eingangsportal der rostroten Lehmbauten wurden sorgsam umgebaut, damit es nicht so auffiel, aber der Rest war kostensparend in allen Filmen gleich. Requisiten, die nicht so recht in die Berberszenerie passten, wurden etwas abseits aufgebaut und stehen zum Teil heute noch verloren in der Landschaft. Schon 1575 begannen die islamischen Glaubenskämpfer der Marabout im Dorf Tamegroute zu missionieren. Aus ihrer Arbeit ist die berühmte Koranschule des einflussreichen Sufi-Ordens hervorgegangen. Es gilt als sicher, dass Sie hier etwas lernen können.
Auf eine gute Nacht (© Andreas Laube / Chamäleon)
Groß ist relativ. Aber eine Wüste im Format der Vereinigten Staaten von Amerika muss schon sehr groß sein. Sie ahnen es: Von der Sahara ist die Rede, die bis an den Rand des Atlas-Gebirges reicht, wo sie vor allem als Stein-und-Fels-Wüste, die sogenannte Hammada, ausläuft. Es führt kein anderer Weg nach Erg Chegaga 8, wo zwischen riesigen Wanderdünen unser Chegaga Deluxe Camp liegt. Vergessen Sie Ihre Vorstellung von Zelten, wenn die Berberfürsten hier zu ruhen pflegten, dann hatte das nichts mit Camping zu tun, das waren Gelage von ausgeprägter Lebenslust. Sie kamen allerdings nicht mit Geländewagen, sondern auf schwankenden Wüstenschiffen. So wie Sie heute bei Ihrem Ritt in das klassische Lichtspieltheater der untergehenden Saharasonne. Zugabe am Lagerfeuer unter einem glanzvollen Sternenhimmel, der es eigentlich auch verdient hätte, Weltnaturerbe zu sein.
Buntes Sortiment von Pantoffeln (© Isabella Pfenninger, iStockphoto.com / Chamäleon)
Ein Stück der früheren Rallye Paris–Dakar führte durch die atemberaubende Wüstenlandschaft des Erg Chegaga. Mit gedrosseltem Gasfuß, aber immerhin, nehmen wir die sandige Rennpiste bis in die 1.000 Jahre alte Residenz der schiitischen Berberfürsten, Taroudant 9. Als Handels- und Karawanenzentrum, das es heute noch ist, begann es im 17. Jahrhundert zu blühen. Die Souks sind vollgestopft mit Silber, Leder, Teppichen, Filzpantoffeln mit Bommeln, verzierten Teegläsern und Kunsthandwerk en masse. Greifen Sie zu, aber vergessen Sie das Feilschen nicht. Ungeduld ist teuer. Ein bisschen Sand wird Ihnen trotz unserer komfortablen Fahrzeuge in den Lachfalten hängen geblieben sein, den spült der herrliche Pool im Garten des Dar Zitoune mühelos wieder weg.
Ziegen auf Bäumen (© Stephanie Forsch / Chamäleon)
Heute ist Genusstag. Unsere Fahrstrecke beträgt kaum 50 Kilometer, aber die Eindrücke würden für 500 reichen. Da sind die tief eingeschnittenen, savannenähnlichen Gebirgsketten des Anti-Atlas, in deren Tälern der Souss-Fluss für eine Fruchtbarkeit sorgt, die sonst keine Chance hätte. Mit Ausnahme der Arganbäume vielleicht, denen ihr Standort egal zu sein scheint, was wiederum den Ziegen zugutekommt. Denn die turnen mangels kulinarischer Abwechslung mit schlafwandlerischer Sicherheit durch die Bäume und fressen sich an den Blättern satt, während Echsen und Landschildkröten sehen müssen, wo sie bleiben. Apropos (fr)essen. Abgeschiedenheit und Gastfreundschaft sind in der Oase von Tiout 10 kein Widerspruch, und so verspricht die Einladung einer einheimischen Familie zum Mittagessen eine authentische Geschmackserfahrung zu werden. Auf der Rückfahrt nach Taroudant werden Sie vermutlich schon genau wissen, welches beschauliche Fleckchen Sie im Garten des Dar Zitoune in Beschlag nehmen wollen. Sie haben noch Platz im Koffer? Höchste Zeit für einen Marktbesuch in Taroudant, sind doch die Handwerkskünste ein Markenzeichen der Oasenstadt.
Fischer bei Essaouira (© Eduard Frankovsky / Chamäleon)
Am nächsten Morgen entfernen Sie sich dann immer weiter vom Antiatlas, und über ausgedehnte Höhenzüge geht es hinunter bis an die Atlantikküste. Essaouira 11 12, die »weiße Perle« am Atlantik, versinkt in malerischer Ruhe. In den Händlergassen hinter den dicken Stadtmauern leuchtet ein Farbenmeer aus Tüchern und Keramik. Tausende kreisender Möven warten auf die Ankunft der Fischerboote, um einen Fisch zu stibitzen. In den Altstadtgassen wird Metall zu wundervollen Ornamenten gehämmert, und mehr Künstler als Schreiner schnitzen traumhafte Perlmuttintarsien in ihre Möbelstücke. Sie können versuchen, sich sattzusehen, oder Allah einen guten Mann sein lassen, wozu er extra die endlosen Strände von Essaouira geschaffen hat.
Traditionelle Speisezubereitung (© Bo Voyages / Chamäleon)
Ein kleines Frühstück würde genügen. Gerade so viel, dass es bis nach Marrakesch 13 14, der vierten Königsstadt, reicht, denn im Kochkurs Faim d’Epices geht es darum, die unüberschaubare Vielfalt an marokkanischen Gewürzen in ein köstliches traditionelles Mittagessen zu verwandeln. Aber kochen allein genügt nicht. Auf einer sonnigen Terrasse zwischen Zitronen- und Olivenbäumen wird das Ergebnis auch wohlwollend gewürdigt. Ihr Riad Les Sources Berbéres liegt nur wenige Minuten vom berühmten Djemaa-el-Fna-Platz, dieser Arena aus 1.001 Nacht, wo ein pausenloses Trommelgetöse die lange Nacht der Schlangenbeschwörer, Feuerschlucker, Schneckenköche, Wahrsager, Akrobaten und fliegenden Händler verkündet. Ein unvorstellbarer, faszinierender Wahnsinn. Und am nächsten Tag der kobaltblaue Jardin Majorelle von Yves Saint Laurent, die imposante Koranschule Medersa Ben Youssef, die Saadier-Gräber, der Bahia-Palast, die Koutoubia-Moschee aus dem 12. Jahrhundert. Wunderwelten und kein Ende, und weil es so ergreifend war, mit Anbruch der Dunkelheit noch einmal auf den Rummelplatz der Gehenkten.
Spieglein, Spieglein  (© Anne Baltes / Chamäleon)

Der Toubkal 15 war der erste Nationalpark Marokkos, wo ziemlich ausgefallene Arten bleiben durften: Mähnenspringer, Cuviergazelle, Berberaffe, Atlashörnchen, Bartgeier, Alpendohle und so weiter. Soll man ihn märchenhaft nennen? Nein, sagen wir: idyllisch. Märchenhaft wird es noch einmal am Nachmittag hinter den meterdicken Altstadtmauern des Souks. 250 Handwerksbetriebe, aber zehnmal so viel Trubel. Da steht der Färber mit nackten Beinen in einem Kessel voll Indigo. Da flattert ein todgeweihtes, aber schlecht getroffenes Federvieh kopflos durch die Gassen. Da drechselt der Schreiner mangels Daumen mit dem dicken Zeh ein Kunstwerk von Schachfigur, und der Ziseleur hämmert ein filigranes Dekor in die Kupferplatte. Und wo immer dichter Qualm eine Feuersbrunst befürchten lässt, steht Abbudin und brät Spieße aus Hammelhack. Zum Finale ein drittes Mal auf Aladins Rummelplatz. Von wo Sie garantiert gehen werden, ohne dieses orientalische Märchen jemals vergessen zu können.

Wir können nix dafür, aber der Flieger von Marrakesch 16 nach Casablanca geht schon am frühen Morgen. Dafür haben Sie viel Zeit zum Träumen, bis Sie am Nachmittag in Frankfurt landen.

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