Abends in Frankfurt. Platz nehmen für ein Nickerchen und in der Stadt aufwachen, die sich mit einem Satz zu erkennen gibt: »Ich schau dir in die Augen, Kleines.« Richtig, Casablanca 1. Eine kaum fassbare Zahl an Superlativen und Weltkultur-Sensationen prägt diese Reise, und wenn wir nicht gleich loslegen, schaffen wir nicht alle. Man bräuchte eine Sonnenbrille vor lauter Gold und Glanz in der Hassan-II.-Moschee, der größten und schmuckvollsten des Landes. Ein Gebetshaus für 25.000 Gläubige und sein Minarett – raten Sie mal – mit 210 Metern natürlich eins der höchsten der Welt. Vier Königsstädte begründen den kulturellen Reichtum Marokkos, und mit Rabat 2, der jüngsten, fangen wir an. Das Merinidische Portal, der Hassan-Turm, das prunkvolle Mausoleum von Mohammed V., die Kasbah des Oudaias mit ihrem Andalusischen Garten und so weiter. Es können nur Stippvisiten sein, denn die UNESCO hat kurzerhand die gesamte Altstadt zum Weltkulturerbe erklärt.
Gerberei in Fès (© Nour El Refai, iStockphoto.com / Chamäleon)
Fès 3 ist die älteste der Königsstädte. Von der Festungsanlage Borj Sud geht der Blick über die ganze Stadt, hinter deren Altstadtmauern sich traditionell die Kasbah befindet. Alle Gerüche des Orients sind hier versammelt. Gewürze, von denen Sie noch nie gehört haben, sind zu dekorativen Kegeln aufgehäuft, und getrocknete Duftblüten in schreienden Farben werben um Ihre Gunst. In den Soukgassen wird gewebt, gegerbt, gefärbt, gedrechselt, geschmiedet und gestichelt, was das Zeug hält. Und zwischendrin grillt Ahmed Hammelkoteletts, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sieht. Dass es am Abend ebenfalls Hammelkoteletts gibt, ist nicht garantiert. Aber sicher ist, dass wir die Einladung einer marokkanischen Famile zum Abendessen annehmen werden.
Volubilis Torbogen (© Bo Voyages / Chamäleon)
Die Ehre, ein Weltkulturerbe zu sein, sagt noch nichts über den Erhaltungszustand, und die Ruinen von Volubilis sind ein Paradebeispiel dafür. Zumindest der Caracalla-Bogen, das Kapitol, die Basilika, der Tempel des Jupiter, die herrlichen Mosaiken zeugen vom hohen Kulturstand der Berberstämme, bevor Volubilis geschleift und ein Großteil seines Marmors nach Meknès 4 entführt wurde. Dort war es im wahrsten Sinne des Wortes gut angelegt, denn Meknès gilt als das Versailles Marokkos, seine Souks als die schönsten und ursprünglichsten, das Grabmal Moulay Ismails als unübertroffen prachtvoll, und vom Stadttor Bab Mansour bis zum Königspalast ist der gesamte Rest eine einzige Augenweide.
 
Palmen, Mauern und schneebedeckte Berge in Marrakesch (© fafou, iStockphoto.com / Chamäleon)
Haben Sie eigentlich schon die Alpen bemerkt, die auch im Sommer mit schneeweißer Zipfelmütze das ferne Panorama der Königsstädte bilden? Sie heißen nur anders, nämlich Kleiner Atlas, Mittlerer Atlas und Hoher Atlas. Zuerst sind es noch ausgedehnte Zedernwälder, wo sich Makaken von Ast zu Ast schwingen, dann wird die Luft dünner und die Landschaft felsiger. Der Hohe Atlas wirft seine Schatten voraus, was wörtlich zu nehmen ist und im Ziz-Tal 5 zu Landschaftsformationen führt, die man ohne Übertreibung künstlerisch wertvoll nennen kann. Atemberaubend würde auch passen. Die Sahara pflegt den Sand, den sie nicht braucht, gelegentlich hier zwischenzulagern, wofür die Dünen von Erg Chebbi ein unwiderlegbares Zeugnis geben. Dazu morgen mehr, aber ein Vorgeschmack darf schon sein, im Riad Madu: Berberstil, tadelaktgeputzte Wände und Kacheln in warmen Wüstenfarben erzeugen wie seine marokkanischen Spezialitäten den Wunsch nach mehr.
Tourist beim Kamelreiten in der Sahara (© GavinD, iStockphoto.com / Chamäleon)
Die Wüste lebt, auch wenn wir an diesem frühen Morgen die Einzigen sind, die ihre Spuren in die glatt gepusteten Sandberge ziehen. Zeit spielt für die Sahara keine Rolle, sie verändert ihr Gesicht lautlos mit dem Gang der Sonne, und wenngleich Erg Chebbi 6 als die Wüstenlandschaft mit den größten Wanderdünen Nordafrikas gilt, Nordic Walking kann man das bei dem Tempo nicht nennen. Nordic Swinging wäre treffender, wenn wir im Zeltcamp Jaimas Madu auf Kamele umsteigen, die uns schnurstracks in das klassische Lichtspieltheater der untergehenden Wüstensonne führen. Zugabe am Lagerfeuer unter einem glanzvollen Sternenhimmel, der es eigentlich auch verdient hätte, Weltnaturerbe zu werden.
Kamelkarawane in den Sanddünen Erg Chebbi, Sahara (© Roberto Caucino, iStockphoto.com / Chamäleon)
Bisher ist die Sonne nach jedem Untergang wiedergekommen. Nur, wie im Erg Chebbi haben Sie das noch nicht erlebt. Glauben Sie uns: Früh aufstehen lohnt sich. Die Straße der Kasbahs 7 führt uns anschließend durch ein Abenteuerland zwischen Geisterbahn und Rosengärten. 300 Meter senkrecht hoch und überhängend sind die Felswände der Todra-Schlucht, aber da müssen Sie durch, um ins gelobte Land zu kommen. Romantische Minidörfer unter Palmenhainen – und dann die Rosen. Die Oase El-Kelaa des M’Gouna ist voll davon, was ihr den Namen Rosenstadt und mit Rosenöl und Rosenwasser im wahrsten Sinne des Wortes eine florierende Existenz beschert hat. Das Wellness-Center im Ksar El Kabbaba ist der Endpunkt für heute.
 
Süsse Spezialitäten auf dem Markt (© Gerrit Groenewold / Chamäleon)
Wenn Sie auf dem Markt von Skoura 8 Mohammed rufen, drehen sich mindestens 50 Männer um, also bleiben Sie unserem Gastgeber auf den Fersen, wenn er Sie mitnimmt, um die Zutaten für das Mittagessen einzukaufen. Fatima, also Frau Mohammed, wird Sie damit in die Geheimnisse der marokkanischen Küche einweihen. Und sie belässt es nicht bei der Theorie. Mit anderen Worten: Kochkurs mit Couscous. Vor allem in den Gewürzen steckt die Raffinesse, womit Sie zu Hause garantiert mächtig Eindruck schinden können. Ein aufrichtiges Kompliment würde schon genügen, aber wir möchten für die Gastfreundschaft ein Dankeschön dalassen. In der gemeinnützigen Landentwicklungskooperative El Kabbaba El Khamsa, die sich um die regionale Trinkwasserversorgung und den Erhalt der Biodiversität verdient macht, pflanzen wir eine Dattelpalme.
Kasbah Ait Benhaddou (© Neundlinger-Schalleschek / Chamäleon)
Die Burg der Burgen trägt den Namen Ait Benhaddou 9, und die haben Sie bestimmt schon mal gesehen. »Sodom und Gomorrha«, »Lawrence von Arabien« oder »Gladiator« heißen Hollywoods Sandalenfilme, die in dem Weltkulturerbe gedreht wurden. Die Wettkampfarenen vor dem Eingangsportal der rostroten Lehmbauten wurden sorgsam umgebaut, damit es nicht so auffiel, aber der Rest war kostensparend in allen Filmen gleich. Und Requisiten, die nicht so recht in die Berberszenerie passten, wurden etwas abseits aufgebaut und nach Drehschluss einfach stehen gelassen. So erklärt es sich, dass Sie mitten im Hohen Atlas an einer – natürlich trockenen – amerikanischen Tankstelle vorbeikommen können. Kaum zu fassen, aber ein prima Training für die nächsten zwei Tage, denn auch da werden Sie sich manches Mal die Augen reiben. Gleich hinter dem Tizi-n’Tichka-Pass, in der Sprache der Berber die »gefährliche Bergweide«. Und die müssen es wissen.
Souk in Marrakesch (© Bo Voyages / Chamäleon)
Vorn die Palmen, dahinter der schneebedeckte Atlas. Als wenn dies nicht schon märchenhaft genug wäre, trudeln am Nachmittag die Trommler auf dem Platz der Gehenkten ein und geben mit ohrenbetäubendem Getöse das Startsignal für die tägliche Zwölf-Stunden-Party. Wir sind in Marrakesch 10 11 und erwähnen den Djemaa-el-Fna-Platz jetzt schon, damit Sie Ihre Kräfte einteilen können. Einen Teil werden Sie im kobaltblauen Jardin Majorelle lassen, einen weiteren in der überwältigenden Koranschule und der zum Wahrzeichen gewordenen Koutoubia-Moschee. Nicht wenig Ihrer Energie verlangt das Gassenlabyrinth des mittelalterlichen Souks, wo in über 250 Werkstätten die Färber barfuß in den Bottichen stehen, Schnabelpantoffel genäht, Keuschheitsgürtel geschmiedet und hinter undurchdringlichen Qualmwolken Spieße aus Hammelhack gebraten werden. Aber den Löwenanteil Ihrer Kondition fordert die lange Nacht der Schlangenbeschwörer, Feuerschlucker, Märchenerzähler, Schneckenköche, Wahrsager, Akrobaten und fliegenden Händler. Sie brauchen ein neues Gebiss? Hier werden Sie fündig, sehr günstig und wenig getragen bzw. gebissen. Frühmorgens, wenn die Trommler ihre Finger kühlen, ist der Platz wieder clean. Dann erwacht das Märchen Marrakesch in Zeitlupe aus seinem Traum. Sie auch? Oder die Nacht durchgemacht und beim Aufräumen geholfen? Warum eigentlich nicht? Schlafen können Sie im Flieger bis Frankfurt.
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