Abends in Frankfurt 1. Flug in die untergehende Sonne zur aufgehenden Sonne in Addis Abeba 2. Italien in Äthiopien? Mit der Antwort nimmt diese Reise durch geheimnisvolle Schätze ihren Anfang. Im alten italienischen Stadtteil Piazza steht das Nationalmuseum, und dort liegt der älteste menschliche Knochenfund – die weltberühmte Lucy. Ein leuchtendes Beispiel jüngster Errungenschaften ist die Former Women Fuel Wood Carriers Association. Eine traditionelle Weberei mit angeschlossener Schule, in der Frauen mit zuvor körperlich anstrengenden Tätigkeiten auf ein besseres Leben vorbereitet werden. Den Italienern haben wir auch den Entwurf der Menbere-Selassie-Kirche zu verdanken, die sinnigerweise der Befreiung aus italienischer Besatzung gewidmet ist. Sie sehen bereits, dass Sie spannende Aussichten erwarten, zu denen ohne Zweifel der Blick vom 3.000 Meter hohen Plateau des Entoto-Berges auf die glanzvolle Hauptstadt Äthiopiens gehört.

Kaffeezeremonie in Lalibela (© Chamäleon)

Lebensform, Musik und Malerei sind lebendige Zeugen einer Zivilisation, die uns in gewaltigen Felsenkirchen, eindrucksvollen Palästen und trutzigen Burgen begegnet. Unser Flug nach Gondar 3 führt uns zurück in die Epoche des Kaisers Fasilidas, als die Stadt das kulturelle und religiöse Zentrum Äthiopiens war, unzweifelhaft belegt durch den Palast des Kaisers, den man eher eine Festungsstadt nennen muss, die hinter meterdicken Mauern Paläste, Kirchen und Klöster versteckt. Auch das Bad des Kaisers werden wir Ihnen nicht vorenthalten. Bescheidene 70 mal 40 Meter misst das Bassin, mit einem Lustschlösschen in der Mitte, das vermuten lässt, dass hier mehr als nur gebadet wurde. Heute dient das Becken höheren Zwecken, dem Tauffest nämlich, wenn es mit den Fluten des nahen Kaha-Flusses gefüllt und vom Bischof von Gondar geweiht wird. Liturgische Gesänge begleiten die Zeremonie, die die Taufe Jesu Christi symbolisiert. Und wem noch Zweifel bleiben sollten, wie ernst es den äthiopischen Kaisern mit dem Christentum war, der folgt uns zum Abschluss des Tages in das »Kloster der Dreieinigkeit auf dem Berge des Lichts«. Die berühmten Wand- und Deckengemälde der Debre-Birhan-Selassie-Kirche gelten als die schönsten des Landes, und hinter vorgehaltener Hand wird die Kirche sogar als die Sixtinische Kapelle Äthiopiens bezeichnet.

Lalibela Felsenkirche (© Chamäleon)

Die geologische Aktivität des Ostafrikanischen Grabenbruchs hat die höchsten Berge und tiefsten Seen Afrikas entstehen lassen. Durch diese urgewaltige Landschaft fahren wir in das Simien-Gebirge 4, das den seismografischen Ausschlägen eines Erdbebens der Stärke acht gleicht. Auf einer der Bergkuppen liegt unsere Simien Lodge. Sattsehen ist bei diesen Bildern nicht leicht, aber einen Versuch wert, bei einer Wanderung durch den Simien-Mountains-Nationalpark mit Begleitung von Gelada-Pavianen und dem harmlosen Äthiopischen Wolf.

Klosterkirche Debre Berehan Selassi bei Gondar (© Chamäleon)

Heute ist Sightseeing-Tag. Aber kein Museum, kein Denkmal steht auf dem Programm, sondern die Landschaft des Simien-Gebirges, die von so umwerfender Schönheit ist, dass Sie die Kamera gar nicht erst weglegen sollten. Zurück über Gondar führt uns die Fahrt durch farbige Ebenen und kleine Dörfer nach Bahir Dar 5 6 an den größten See in Äthiopien. An seinem Ufer liegt das Avanti Blue Nile Hotel und ist doch nur wenige Schritte vom Trubel des Marktplatzes entfernt. Nur wenn es Abend wird, sollten Sie wieder zurück sein, weil der Blick über den See mit den letzten akrobatischen Kunststückchen der heimischen Vogelwelt das Prädikat »Besonders wertvoll« verdient hätte. Am Vormittag haben Sie festen Boden unter den Füßen: den wunderschönen Teppich sanfter Hügel und darin eingebettet die Wasserfälle des Blauen Nils. Im Tana-See, in dem auch die Quelle des Blauen Nils liegt, sind uralte Kunstschätze verborgen. Wir müssen nicht tauchen, wir finden sie am Nachmittag in beeindruckenden Klöstern, die auf den zahlreichen Inseln liegen. Kreuz und quer bringt uns das Boot zu den sagenhaften Reliquien der Geschichte, zu Manuskripten und Kreuzen der von Christen- und Judentum so stark geprägten Vergangenheit.

Mann Konso (© Ekkehard Bruns / Chamäleon)

Wie eine Perlenkette dekorieren die Aussichtspunkte des Ostafrikanischen Grabenbruchs unsere Fahrt in das einst bestgehütete christliche Geheimnis: Lalibela 7, das in den Bergen versteckte Jerusalem Äthiopiens. Hier wurde im 12. Jahrhundert das Heiligste des Heiligsten aus dem Berg gehauen: ein Zentrum göttlicher Verehrung aus miteinander verbundenen Felsenkirchen, in deren Tunneln und Nischen sich so manches Schlupfloch für betende Priester verbirgt. Durch das Dorf Nakuto Laab tasten wir uns behutsam an das Heiligtum heran und beginnen mit dem Ende, dem letzten von König Neakuto Leab, Neffe und Nachfolger von König Lalibela, erbauten gleichnamigen Kloster, in das er sich nach seiner Abdankung zurückzog, um als Einsiedler auf das Ende seiner irdischen Frist zu warten. Gott dankte es ihm mit einer heiligen Quelle, die das Becken der Höhlenkirche mit Weihwasser füllt und in 800 Jahren noch nie versiegt ist. Zum Mountain View Hotel am Stadtrand von Lalibela muss man nicht viel sagen, sein Name verrät ja schon alles. Und auf 2.680 Metern Höhe hinter komplett verglasten Fronten ist das nicht zu viel versprochen.

Getreidespeicher (© Chamäleon)

Dann kommt die Zeit des ungläubigen Staunens. Die Felsenkirchen Bet Debre Sina und Bet Golgotha. Bet Maryam, die älteste, und Bet Medhane Alem, die größte der heiligen Hallen. Und schließlich Bet Giyorgis, das architektonische Prachtstück mit dem gleichschenkeligen Grundriss eines Kreuzes. Sie alle werden uns mit der Frage zurücklassen, wie diese Kostbarkeiten an Gebäuden, Gemälden und einmaligen Reliefs im Mittelalter geschaffen werden konnten. Vielleicht war die Vielzahl an architektonischen Stilen, kostbaren Kunstwerken und Reliquien in der Tat nur möglich, weil den Erzählungen nach Engel herniederkamen, um dem König von Lalibela 8 9 beim Bau zu helfen. Vielleicht finden wir die Antwort in einer der wenigen frei stehenden Kirchen, Bet Emanuel, die als die schönste gilt, die jemals aus dem Fels geschlagen wurde. Vielleicht verrät uns die kleine nicht ganz vom Felsen gelöste Bet Abba Libanos das Geheimnis der Engel. Vielleicht werden wir es auch nie erfahren, aber zurück bleibt das erhebende Gefühl, dieses Engelswerk mit eigenen Augen gesehen zu haben. Und eine sehr persönliche Erfahrung äthiopischer Gastfreundschaft: bei der Einladung zu einer privaten Kaffeezeremonie zum Ausklang unserer drei unbeschreiblichen Tage in diesem Mysterium göttlicher Verehrung.

Gondar (© narvikk, iStockphoto.com / Chamäleon)

Mit dem Flug von Lalibela nach Addis Abeba machen wir einen Zeitsprung von schlappen 20 Millionen Jahren. Denn unsere anschließende Fahrt nach Awassa 10 führt am Ostafrikanischen Grabenbruch vorbei, in dessen Verästelungen sich mineralisch leuchtende Seen befinden. Einer davon ist der Awassa-See, und das schönste Fleckchen dort ist das Haile Resort, das Hotel des weltbekannten Marathonläufers Haile Gebrselassie. Nehmen Sie Platz, wo das Herz aufblüht. Im wundervollen Garten, im Pool oder an der gleichnamigen Bar oder mutterseelenallein am plätschernden Seeufer. Nur rechtzeitig zum Sonnenuntergang sollten Sie mit einem Glas bewaffnet auf der Terrasse eintreffen, damit Sie bei einem Spektakel ohnegleichen in der ersten Reihe sitzen.

Bahir Dar (© BremecR, iStockphoto.com / Chamäleon)

Es gibt Fisch. Wie jeden Morgen, wenn die Fischer ihren frischen Fang ausbreiten und lautstark das Gefeilsche um den Preis beginnt. Hier können Sie was lernen, allerdings ist fraglich, ob es Ihnen daheim etwas nützt. Danach geht es den »Vierzig Quellen« entgegen, denn das ist die wörtliche Übersetzung von Arba Minch 11, wo praktisch am Rande des Abgrunds unsere Paradise Lodge liegt. Panoramablick über den Abaya- und den Chamo-See eingeschlossen, womit auch gleich geklärt wäre, wie Abgrund und See zusammenpassen, denn es handelt sich um sogenannte Grabenseen, die oft nicht sehr tief, dafür ziemlich lang und der Tummelplatz vieler Vogelarten sind.

Awassa See Papyrusboot (© Chamäleon)

Nicht weit weg von Arba Minch 12 leben in den Guge-Bergen die Dorze. Eine kleine ethnische Gruppe, die nur noch 28.000 Mitglieder zählt. Weben ist ihre Hauptbeschäftigung, und das Ergebnis ist ebenso faszinierend wie ihre Art, Hütten zu bauen. Toll gemacht! Und nicht ohne ästhetischen Anspruch. Wenn Sie diesen Baustil nachahmenswert finden, fragen Sie nach, denn die Dorze sind ein auskunftsfreudiges Völkchen. Und weitgehend Selbstversorger mit den Gütern des täglichen Bedarfs, wovon wir uns auf dem Markt persönlich überzeugen. Zu den bereits erwähnten Vogelarten gesellen sich noch Flusspferde und Krokodile, die ungleich schlechter fliegen, weshalb man ihnen entgegenfahren muss. Wir nehmen das Boot zu einer Chamo-Seefari und Sie bitte Ihre Kamera mit.

Lalibella Felsenkirche (© Chamäleon)

Rinder und Ziegen sind Lebensgrundlage und zugleich Statussymbol der Hamer. Milch, Fleisch und Blut bilden den Reichtum dieses ehrwürdigen Stammes im 1.000-Seelen-Dorf Turmi 13, der sich seit jeher durch seine kunstvollen Frisuren zu erkennen gibt. Dazu drehen die Frauen ihre Haare mit Butter und Ockererde zu festen Korkenzieherlocken, während die Männer ihre Matte mit Hilfe von Lehm zu helmartigen Gebilden formen. Schönheit, Tapferkeit und Mut sollen darin zum Ausdruck kommen, und wie perfekt das funktioniert, zeigt Ihnen eine Vorführung des einzigartigen Evangadi, des traditionellen Hochzeitswerbetanzes der Hamer. Die klassische äthiopische, vielleicht auch anmutigere Form von Parship. Volkskunde, zweiter Teil, denn ein Stück weiter östlich leben die Konso 14, die durch Terrassierung schon früh eine wirksame Methode fanden, ihre bewirtschafteten Hügel vor Erosion zu schützen. Eine strenge Dorfhierarchie verteilt die Aufgaben in der Gemeinde, zu denen auch die Herstellung einer Art Bier aus Mais gehört. Na denn zum Wohl, aber bitte erst nach unserer Audienz beim König, denn man tritt schließlich in gesitteter Haltung vor seinen Gebieter.

Es ist fraglich, ob irgendwo auf der Erde unterschiedlichste Ethnien so dicht versammelt sind wie hier. Da gilt die Regel: Ein Ort, ein Stamm, ein König. Und so treffen wir auf unserer Fahrt nach Yirga Alem 15 die Burji und die Sidama in den nach ihnen benannten Dörfern. Vorwiegend Landwirtschaft prägt das Tagesgeschäft der in Clans organisierten Volksgruppen, wobei die Ensete-Pflanze sowohl Nahrung als auch Fasern für Seile, Matten und Säcke liefert. Etwas näher sind uns die Sidama, die sich außerdem auf Kaffeeanbau verlegt haben. Bei dem Besuch einer Kaffeeplantage wird uns demonstriert, was eine krönende äthiopische Röstung ausmacht. Alles zusammen – Kaffeeplantagen, Dorfstruktur der Sidama und Sidama-Stil – begegnet uns in der landestypischen Aregash Lodge, wo auch noch Spezialitäten nach Sidama-Hausfrauenart dazukommen. 

Einen unbestritten hohen Nutzen hat das Kinder- und Jugendprojekt Edget Baandnet der Hamburger Jörn Bernhardt und Gundi Brendes, das Schulen baut, ein Waisenhaus betreibt und sich in Awassa um die Straßenkinder kümmert. Wir sind eingeladen, mehr über die segensreiche Arbeit und ihre Ergebnisse zu erfahren. Damit schließt sich unser Kreis durch die Dörfer der Kulturen, und eine vergleichsweise kurze Fahrt legt Sie im wahrsten Sinne des Wortes am Ufer des Langano-Sees 16 ab. Die hohe Konzentration an Mineralien taucht das Gewässer in ein schamhaftes Rot. Aber das soll Sie nicht von Badefreuden abhalten. Ganz im Gegenteil: Jede Stunde in diesem Lebenselixier spart einen Tiegel Tagescreme.

Wie der Anfang so das Ende. Der Ziway-See mit Schmalschnabellöffler, Schreiseeadler und Marabu ist praktisch unser Wegweiser. Das Stelenfeld von Tiya 17, mit seinen 36 rätselhaft verzierten Grabstelen schon längst Weltkulturerbe, liegt glücklicherweise ebenfalls an unserer Strecke, aber dann taucht wieder die glühende Silhouette von Addis Abeba auf. Zum Abschluss prägender Erlebnisse gehört ein Abendessen, das ebenso prägend ist, nämlich mit allen Raffinessen der äthiopischen Küche gemeinsam gekocht und gegessen. Nicht als Experiment, sondern unter fachkundiger Anleitung auf den Höhepunkt gebracht. Das war und bleibt er auch, denn wenige Stunden später startet kurz nach Mitternacht Ihr Flieger Richtung Frankfurt 18, drei Millionen Jahre weit weg von Lucy und ihren kaiserlichen Nachfahren.

Noch mehr Gänsehaut

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